Leitmotiv
Aus: Christ & Welt Ausgabe 19/2013
In der Bibel hat jeder Satz das Zeug zur Häresie und zum Missverständnis. Wenn man ihn aus dem Zusammenhang reißt. Und wenn man nicht den Gegensatz sucht, der sich in jedem Fall findet. „So viel du brauchst“– das aus dem zweiten Buch Mose herauspräparierte Kirchentagsmotto ist ein halber Satz und eine halbe Wahrheit. Er kann zur Sorglosigkeit verführen, die andere belastet: kein Riester, keine Lebensversicherung, keine Vorsorge. Der links zitierte Appell, nicht Schätze zu sammeln, die die Motten und der Rost fressen, gehört zu den missverstandensten Texten des Christentums, wenn die Grammatik diese Steigerung hergibt. Denn der Ton liegt nicht auf dem Sammeln, sondern auf den Motten und dem Rost. Wäre schon Besitz unmoralisch, würde aus einer Predigt, die Jesus gehalten hat, der Sponti-Spruch des Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon: Eigentum ist Diebstahl. Wer so denkt, neidet Uli Hoeneß, was er besitzt. Aber nicht sein Besitz ist das Problem, sondern die Steuer, die er uns vorenthält.Wir brauchen Menschen mit Eigentum, am besten viel davon. Überleben wie die Israeliten in der Wüste ist billig. Leben dagegen kommt teuer, und Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit gehen richtig ins Geld. Und leider reicht es noch lange nicht für alle, wenn jeder gleich viel nimmt. Erst muss einer da sein, der produziert. Vor dem Nehmen kommt das Geben, und geben kann nur, wer hat. Die Ergänzung zur Kirchentagslosung steht im Buch der Sprüche: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, und werde weise. Sie, die keinen Anführer, Aufseher und Gebieter hat, bereitet im Sommer ihr Brot und sammelt in der Ernte ihre Nahrung.“Auf dem weiteren Weg durch die Wüste bekommen die Israeliten daher die Zehn Gebote, das Manifest des Respekts vor fremdem Eigentum: Du sollst nicht begehren. Die Gebote setzen voraus, dass ein anderer erworben hat, was ich nicht habe. Die Geschichte des Volkes Israel strotzt vor Berichten über Menschen, die Gott segnet, indem er ihnen die Möglichkeit verschafft, Besitz anzuhäufen. Und ihn verantwortlich zu investieren. Reichtumskritiker übersehen gern die Mahnungen der Bibel, eigene Talente und Möglichkeiten einzusetzen, damit aus wenig viel und aus viel noch mehr wird. Nichts motiviert uns stärker. Der britische Prediger John Wesley brachte sie auf eine Formel: Erwirb, so viel du kannst, spare, so viel du kannst, gib, so viel du kannst. Viel hilft viel. Reiche finanzieren den Staat und die Kirche. 20 Prozent der Kirchensteuer werden von weniger als einem Prozent der Zahler aufgebracht. Und reiche Staaten können Gerechtigkeit stark machen.Denn darauf kommt es an: dass es nicht nur beim Verteilen gerecht zugeht, sondern auch beim Erwerben. Jeder braucht dieselbe Chance, die Armen wie die Reichen, die jetzt lebenden und die künftigen Generationen.Die Quintessenz ökonomischer Weisheiten der Bibel steht im Psalm 62: „Fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.“ Denn das Haben gebiert die Angst vor dem Verlust. Die ist das Problem, denn sie verschließt das Herz und auch den Verstand. Diese Angst besiegt man nur durch Geben. Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, sagt Jesus. Da möchte ich hin. Freunde brauche ich.mehr
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