Emanzipation
So weiblich ist die Kirche
Aus: Ausgabe 21/2011
Her mit dem Priesteramt oder wenigstens mit der Diakoninnenweihe! Diese feministischen Forderungen sind ebenso alt wie aussichtsarm. Dabei sind Frauen schon mächtiger, als man meint. Zumindest in der Schweiz
Monika Schmid ist die Chefin eines katholischen Priesters. Ihr offizieller Titel lautet zwar Gemeindeleiterin im Zürcherischen Illnau-Effretikon, Lindau und Brütten, tatsächlich aber managt sie die Arbeit des Seelsorgers. Und sie bekommt stets neue Kolleginnen mit derselben Berufsbezeichnung. Die Mittfünfzigerin mit dem fröhlichen Lachen ist Leiterin der katholischen Pfarrei St.? Martin und damit verantwortlich für 5600 Katholiken. Die katholische Kirche sieht bekanntermaßen auch in der Schweiz nicht die Frauenpriesterweihe vor. Aber der Mangel an männlichen Kandidaten fürs Hirtendasein macht im Alpenstaat vieles möglich. Frauen sind Gemeindeleiterinnen, Vorsteherinnen eines Dekanats oder arbeiten in der Bistumsleitung, kurzum: Sie sind in der römisch-katholischen Kirche der Schweiz in vielen Leitungsgremien angekommen.
Monika Schmid darf keine Sakramente spenden und keine Eucharistie feiern. Andere Aufgaben eines Pfarrers kann sie jedoch übernehmen, nicht nur in der Organisation der Seelsorge, auch in der Seelsorge selbst. Sie gestaltet Beerdigungen, sie hält Wortgottesdienste ab und sie gibt Religionsunterricht. Im Bistum Chur, zu dem ihre Gemeinde gehört, hat sie sogar die Möglichkeit, Taufen vorzunehmen. Besonders viel Zeit nimmt sie sich für die Besuche von Alleinstehenden und Kranken, eine Aufgabe, für die im Priesteralltag kaum Raum bleibt. Dabei warten gerade alte Menschen darauf, dass die Kirche auch einmal zu ihnen kommt. Erst recht, wenn sie selbst jahrzehntelang treu in die Messe gegangen sind. Gemeindeleiterinnen dürfen viel. Trotzdem bleibt nach Ansicht von Monika Schmid einiges zu wünschen übrig. Sie bedauert zum Beispiel, keine Paare trauen zu dürfen. Anfragen fürs Jawort hatte sie oft, sie selbst muss dann nein sagen. „Dann muss ein Priester eingeflogen werden, darüber ärgere ich mich jedes Mal.“ Die Frau mit dem ansteckenden Lachen hat ein gewaltiges Arbeitspensum, aber sie liebt ihren Beruf. „Wer kann schon von sich sagen, Menschen von der Geburt bis zum Tod zu begleiten?“, fragt sie.
Die Kirche St. Martin ist voll von Auferstehungssymbolik. Monika Schmidt spürt allerdings einen schärfer werdenden Wind in der Schweizer Kirche. Sie fürchtet, dass es einigen Bischöfen nur recht wäre, wenn es weniger Gemeindeleiterinnen geben würde. Angestrebt werde dies derzeit in „Seelsorgeräumen“, denen wieder Priester allein vorstehen sollen. Doch sie sieht sich nicht als Konkurrentin zum Geistlichen. Im Gegenteil: „Ein älterer Priester im Ruhestand, der bei uns in der Gemeinde einmal als Aushilfspfarrer tätig war, sagte mir mal frohgemut: ,Du bist jetzt meine Chefin!‘ Das fand ich schön, gerade weil er kirchenrechtlich ja über mir steht“, erzählt sie.
Es gibt in der Schweiz nicht nur etliche Gemeindeleiterinnen, sondern auch Dekaninnen. Eine von ihnen ist Gudrun Dötsch-Wierschem. Die gebürtige Pfälzerin lebt seit einigen Jahren in der Schweiz und arbeitete zuerst als Pastoralassistentin. Nach acht Jahren in diesem Beruf wurden sie und ihr Mann zum Gemeindeleiter-Ehepaar der Gemeinde Eich gewählt.
Als ihr Bischof sie als Dekanin vorschlug, spürte sie Stolz. Der Dekan an ihrer Seite ist einer der Priester des Dekanats. Als Leiterin ist sie die Kontaktstelle zwischen den Seelsorgern und dem Bischof. Gudrun Dötsch-Wierschem weiß, dass sie in einem sehr speziellen Bistum arbeitet. Sie sagt: „Basel stellt einen Sonderfall in der Weltkirche dar. Frauen werden, wenn möglich, nach ihrer Qualifikation eingesetzt und mit Einwilligung und im Auftrag des Bischofs auch für Führungs- und Leitungsaufgaben ernannt.“
Leidet die Leiterin an einer männerdominierten Kirche? Gudrun Dötsch-Wierschem schüttelt entschieden den Kopf. In der Schweiz, genau gesagt im Bistum Basel, hätten Laientheologen außerordentliche Möglichkeiten, das kirchliche Leben mitzugestalten, schwärmt sie. Nein, sie vermisse gar nichts. Die Möglichkeiten verdanken die Frauen der Synode von 1972. „Und dem Mut der seitherigen Basler Bischöfe“, ergänzt die Dekanin. Sie hätten alle kirchenrechtlichen Eventualitäten ausgeschöpft, um die Seelsorge trotz Priestermangel zu garantieren.
Dass sie als Gemeindeleiterinnen und Dekaninnen arbeiten dürfen, verdanken die Frauen auch einer kirchenrechtlichen Besonderheit der Schweiz, der dualen Leitungsstruktur: Zum einen ist da die innerkirchliche Leitungsstruktur, definiert durch das Kirchenrecht, zum anderen die staatskirchenrechtliche Struktur, die sich an der jeweiligen demokratischen Situation der Kantone orientiert. So gibt es innerkirchliche Leitungsämter, für die keine Weihe benötigt wird.
Schon seit 1974 arbeiten sie im Bistum Basel als Pastoralassistentinnen, ein auch in Deutschland belieber Beruf. Frauen in der Schweiz stehen zudem als Pfarreirätinnen dem Pfarrer unterstützend zur Seite. Man findet sie als Mitglieder in bischöflichen Kommissionen und Arbeitsgruppen. Aufgrund der dezentralen Strukturen sind in der Alpenrepublik die staatskirchenrechtlichen Ämter besonders stark ausgebildet. Viele Frauen arbeiten so im Kirchenrat, einem kirchlichen Parlament. Sie stellen in einzelnen Kantonen sogar die Präsidentin. In dieser Funktion vertreten sie ihre Landeskirche und sind unmittelbare Ansprechpartnerin des Bistums bei Finanz- und Personalfragen. Auch in den Ordinariaten arbeiten zunehmend Frauen. Ulrike Zimmermann-Frank ist Regionalverantwortliche der Bistumsregion St. Viktor, die die Kantone Luzern, Zug, Thurgau und Schaffhausen umfasst. Gemeinsam mit ihren beiden Kollegen im Bischofsvikariat nimmt sie die Interessen des Bischofs der Diözese Basel in dieser Region wahr. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst unter anderem Personalführung, Stellenbesetzung und die Regelung von Vakanzzeiten in der Seelsorge der Pfarreien und Spezialseelsorgestellen. „Ich bin Kontakt- und Ansprechperson zu den staatskirchenrechtlichen Instanzen in der Kirchengemeinde und auf kantonaler Ebene, die in der katholischen Kirche der Schweiz die Kirchensteuergelder verwalten und Anstellungsbehörden für die Seelsorger sind“, sagt sie. Als Mitglied der Bistumsleitung berate und informiere sie zudem den Bischof in konkreten Fragen, die die Bistumsregion betreffen, auch in strategischen Fragen, die das ganze Bistum angehen.
Ulrike Zimmermann-Frank glaubt, dass ihre Kirche spezifisch weibliche Erfahrungen, Charismen und Kompetenzen gut verträgt. „Das kann die Formen der Kommunikation betreffen, eine andere Sichtweise auf Sachthemen, oder dass ich zu verschiedenen Menschen und Gruppen leichter Zugang habe als meine männlichen Kollegen.“ Sie hat drei erwachsene Kinder. Die Familie erscheint im Rückblick auch wie eine Management-Schulung, von der sie heute profitiert. Die meisten Männer, erzählt sie, akzeptierten sie in ihrer Funktion. Doch spezifisch feminine Talente können zum Klischee werden. Dem Mütterlichkeitsverdacht ist zum Beispiel geschuldet, dass Frauen in der Bahnhofs-, Flughafen- oder Gefängnisseelsorge besonders gefragt sind. Auch für die niedrigschwelligen Angebote der Offenen Kirche werden Frauen gern genommen, weil sie als weniger hierarchiebewusst gelten.
Bisweilen bringt sie jedoch gerade ihre Offenheit für andere in kirchenrechtliche Grauzonen. Eine Ordensfrau, die in der Krankenseelsorge tätig ist, möchte anonym bleiben, als sie von ihrer Erfahrung mit einem sterbenden Mann erzählt. Der Todgeweihte erbat sich von ihr die Krankensalbung. Aus Furcht vor möglichen Sanktionen wählte sie kein geweihtes Chrisamöl, sondern eine Salbe, die sie als würdig empfand. Sie sagt: „Solche Situationen sind für beide Seiten unbefriedigend und schmerzvoll.“ Die Ordensfrau hat den pragmatischen Weg gewählt, nicht den ideologischen. In der Schweiz ist eine breit vernetzte, ebenso pragmatische „Frauenkirche“ entstanden. Es gibt Frauengottesdienste, Netzwerke und Institutionen wie das Katharina-Werk Basel. Und immer wieder Frauen, die von den Medien wahrgenommen werden. So etwa Schwester Rut-Maria Buschor vom Kloster Sarnen, die bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ bloggt. Oder Pionierinnen wie Li Hangartner, die langjährige Leiterin der Fachstelle Feministische Theologie/Frauen Kirche Zentralschweiz in Luzern.
In diesem Jahr hat die Schweiz ein Jubiläum gefeiert: 40 Jahre Frauenstimm- und -wahlrecht. Dieses Datum war für die acht feministischen Theologinnen des unabhängigen interreligiösen Thinktanks mit Sitz in Basel Anlass für eine aktuelle Studie, die die Führungsrollen von Frauen in Religionen genauer unter die Lupe nimmt. So auch die in der katholischen Kirche. In dieser Studie steht der vielsagende Satz: „Ohne die Frauen – auch in Leitungsfunktionen und nicht nur in der freiwilligen oder gar dienenden Gemeindearbeit – wäre die römisch-katholische Kirche schon längst ,ausgestorben‘.“





