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Reformvorschläge

„Priesterinnen? Das ist die Zerreißprobe“

Aus: Ausgabe 21/2011

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, plädiert für Diakoninnen. Mehr sei nicht drin

Christ & Welt: Herr Glück, was ist mit den katholischen Laien los? Ist ihnen der Gehorsam abhandengekommen?

Alois Glück: Ein reiner Gehorsamsglaube ist keine Basis für Christen von heute. Den habe ich als Kind in einer ländlichen katholischen Umgebung erlebt. Da war die ganze Gesellschaft von Hierarchie, Autorität und Gehorsam geprägt. Wer sich aus dem Glauben lösen wollte, musste eine bewusste Entscheidung treffen. Heute hat sich die Gesellschaft tief greifend gewandelt. Und es braucht eine bewusste Entscheidung, um zu glauben. Eine Kirche, die nur Gehorsam fordert, erreicht Menschen von heute nicht mehr.

C & W: Ist Gehorsam nicht so etwas wie ein inneres Ordnungsprinzip des Katholizismus?

Glück: Es braucht Strukturen, Regeln und Autorität. Ebenso selbstverständlich ist aber heute ein offenes Gespräch, das den anderen gewinnen und überzeugen will und das begründete Kritik verträgt, also der Kritiker nicht gleich ausgegrenzt oder ihm der Glaube abgesprochen wird.

C & W: Gerade hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dessen Vorsitzender Sie sind, in einem Beschluss Sympathie dafür gezeigt, Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Wann wird es so weit sein?

Glück:
Ich kann mir vorstellen, dass das in einer überschaubaren Zeit möglich wird. Die Bewegung dahin wird von immer mehr Menschen, auch Bischöfen und Geistlichen, getragen. Manche sind noch dagegen, weil sie fürchten, dass das nur eine Etappe auf dem Weg zum Frauenpriestertum ist. Ich sehe das nicht. Der Ständige Diakonat hat sich bei Männern zu einer Säule im Leben der Kirche entwickelt, was sich bei Diakoninnen ebenfalls erweisen wird. Sie können vor allem in der personalen Seelsorge eigene Akzente setzen.

C & W: Warum nicht auch als Priesterinnen?

Glück: Die Diskussion darüber würde, jenseits aller theologischen Überlegungen, unsere Kirche zerreißen. Darauf muss Rücksicht nehmen, wer will, dass die katholische Kirche ihre Krise überwindet. Beharren auf Positionen, mit denen man sich im Recht fühlt, führt allein nicht weiter. Wir müssen einander überzeugen. Wann es Priesterinnen gibt, müssen wir der Fügung Gottes überlassen.

C & W: Wie geht es weiter?

Glück: Der vergangen Woche in Erfurt behandelte Antrag, in dem es um eine partnerschaftliche Kirche und damit vor allem um die Rolle, die Aufgaben der Frauen in unserer Kirche geht, wird jetzt in den Gemeinschaften erörtert, in den Diözesanräten. Wir werden die Ergebnisse so bündeln, dass der Herbstvollversammlung ein Beschlussantrag vorliegt. Jetzt ist eine sorgfältige Meinungsbildung nötig, damit das Papier nicht am Ende beschlossen und abgeheftet wird, sondern, dass es ein intensives Gespräch auslöst. Es ist auch ein Teil des Dialogprozesses, den Bischöfe und Laien in der katholischen Kirche führen wollen.

C & W: Einige Frauen haben eingewandt, es sei schon alles gesagt, sie wollten Taten sehen.

Glück: Das Thema ist mit Emotionen, mit Enttäuschungen und Verwundungen verbunden. Und in den vergangenen Jahren hat es in den kirchlichen Prozessen viel Enttäuschung gegeben. Jetzt argwöhnen viele, dass es uns nur um Vertröstung und Vertagung geht. Deshalb gibt es auch Misstrauen. Doch hat der Antrag der Frauen ja ein einhelliges Votum gefunden.

C & W: Trotzdem sagten einige, sie wollten noch vor ihrem Tod Veränderungen erleben.

Glück: Wir müssen schnell klarmachen, dass Frauen in der Kirche nicht nur willkommene Hilfskräfte sind. Sie müssen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung erleben, wie sie in der Gesellschaft weithin selbstverständlich geworden sind, selbst wenn noch um Frauenquoten gekämpft wird. Eine vergleichbare Wertschätzung für Frauen ist in unserer Kirche nicht sichtbar, sobald es über Dienst und Unterstützung hinausgeht. Auch wenn es Ausnahmen gibt: Das ist unerträglich für Frauen, deren Kompetenz in anderen Lebensbereichen selbstverständlich geachtet wird. Es ist für Laien, übrigens auch für Männer, demotivierend, wenn sie trotz großer Kompetenz lediglich Rat geben dürfen, der dann nur bedingt ernst genommen wird. Sie müssten Partnerschaft erleben. Kein geweihter Amtsträger muss fürchten, dass seine Position dadurch geschwächt würde.

C & W: Bischöfe betonen mitunter, dass die Kirche keine Demokratie sei.

Glück: Darum geht es nicht. Auf der Würzburger Synode haben Amtsträ-
ger unterschiedlicher Hierarchiestufen, Laien und Wissenschaftler gleichberechtigt miteinander gerungen und Beschlüsse gefasst im Wissen, dass es bei der endgültigen Entscheidung und Durchführung unterschiedliche Zuständigkeiten gibt. Davon haben wir uns meilenweit entfernt. Deshalb haben sich viele in der Gesellschaft verantwortliche Katholikinnen und Katholiken aus ihrem Engagement für die Kirche verabschiedet. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sie lieber woanders als Gläubige handeln, als ihr Engagement innerhalb der Kirche verpuffen zu sehen.

C & W: Warum sind Sie selber dabei geblieben?

Glück: Weil ich gern mit Menschen zusammen war, die einen anderen Blick auf Dinge werfen als wir Politiker. Das habe ich als Bereicherung empfunden. Aber ich kenne auch den Zweifel, ob sich das Engagement in der Kirche denn noch lohnt.

C & W: Braucht die katholische Kirche eine neue Synode?

Glück: Die Kirche ist nicht in der Verfassung dafür. Die Situation muss es hergeben. Das lässt sich nicht erzwingen.

C & W: Gehen Sie nach dem Frauen-Beschluss mit mulmigen Gefühlen zu den Bischöfen? Einige lehnen jeden Gedanken an die Weihe von Frauen strikt ab und berufen sich dabei auf den Papst.

Glück: Ich habe wiederholt gesagt, dass ich den Diakonat für Frauen befürworte. Das sind sie von mir gewohnt.

C & W: Haben Sie kein Problem, die Hostie aus der Hand einer Frau zu empfangen?

Glück: Nein, überhaupt nicht.

C & W: Was können Frauen, was Männer nicht können?

Glück: Sie haben eigene Zugänge zu Menschen und Dingen. Sie denken manchmal anders und gehen Themen auf eigene Weise an. Sie entwickeln eine andere Kultur des Miteinander. Es geht aber nicht nur um den Nutzen der Frauen für die Kirche. Frauen sind Kirche. Das muss sich in einer Gleichberechtigung widerspiegeln.

C & W: Manche Katholiken meinen, ihre Kirche müsse sich der Gesellschaft nicht anpassen, sondern von ihr unterscheiden. Etwa, indem sie Gleichberechtigung nicht mit vollzieht und Ämter für Männer reserviert.

Glück: Das halte ich für Unfug. Die gleiche Würde von Mann und Frau und damit die Gleichberechtigung ist eine christliche Botschaft! Und das muss auch in unserer Kirche mehr verwirklicht werden.

Erschienen in:
Ausgabe 21/2011
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Familie, Sexualität