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Haltung, bitte!

Zweifeln erlaubt?

Aus: Ausgabe 45/2012

„Ich bezeichne mich als Christ und bin sogar ein halbwegs verlässlicher Kirchgänger. Beim Glaubensbekenntnis wird mir allerdings unbehaglich, weil ich manche Sätze nicht zu jeder Zeit unterschreiben kann. Soll ich diese Sätze einfach weglassen? Oder gar nicht mitsprechen?“ Gerhard S., Mühlheim

Welche Sätze des Glaubensbekenntnisses machen Ihnen denn Bauchgrimmen? Der Gedanke an Gott, „den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“? Oder die „Jungfrau Maria“? Die Auferstehung der Toten? Ich bin mir sicher, dass auch ihre Banknachbarin manchmal an den Worten zweifelt, die sie spricht. Aber das Glaubensbekenntnis sind ja nicht die „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die wöchentlich quasi im Vollzug des Aussprechens neu unterzeichnet werden müssten. Im Bekenntnis unseres Glaubens aktualisieren wir den Glaubensschatz der Kirche für unsere Gegenwart. Wir stellen uns in eine Kette der Gläubigen rund um den Globus und stehen in Verbindung mit denen, die vor uns geglaubt haben. Das heißt auch, dass um die Bedeutung dessen, was in den Bekenntnissen ausgesagt wird, immer wieder gerungen wird. Sonst verödet das Bekenntnis zu einem sentimentalen Zeugnis über das, was einmal geglaubt worden ist. Vor allem aber ist ein Bekenntnis keine Einzelvorstellung vor kritischem Publikum. Das Ich, das da spricht, vereinigt sich mit anderen, die mitsprechen. Diese Stimmen tragen das Bekenntnis auch dann, wenn der eine oder die andere einmal verstummt, aus intellektuellem Zweifel oder aus Verzweiflung. Im Moment des Bekennens kann ruhig eine Frage oder ein Zweifel aufbrechen, ohne dass Sie sich wie ein Heuchler vorkommen müssen. Denken Sie sich doch ein Fragezeichen hinter der Aussage. Wir können und sollen uns im Sprechen aber auch auf die Banknachbarn verlassen. Der Glaube der einen springt für den Unglauben der anderen in die Bresche. Deshalb wird das Glaubensbekenntnis auch laut gesprochen. Es kann tragen, auch wenn der Verstand gerade nicht hinterherkann oder das Herz noch unausgeschlafen ist. Trotzdem ist es sinnvoll, dann und wann zu fordern: Lasst uns mal über das Glaubensbekenntnis reden!

Erschienen in:
Ausgabe 45/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch