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Haltung, bitte!

Zug statt Flug

Aus: Ausgabe 16/2014

„Ich arbeite in verantwortlicher Position in einer kleinen Firma und bin viel auf Reisen. Nun wurde beschlossen, dass wir Dienstreisen in Zukunft nur mit der Bahn machen sollen, auch dann, wenn die Zugfahrt teurer ist und die Reisezeit sich deutlich verlängert. Die Firma will sich ein ökologisches Profil geben. Ich habe zwei kleine Kinder. Für mich war das Flugzeug immer eine gute Möglichkeit, um abends wieder zu Hause zu sein. Ich bin frustriert, zumal ich gegen das hehre Anliegen nichts einwenden kann.“ Kathrin B., bei Frankfurt

Auch gute Entscheidungen haben manchmal schlechte Nebeneffekte. Ihre Firmenleitung kann zwar nun mit mehr ökologischem Bewusstsein punkten, nimmt aber dabei deutlichen Punktabzug in der Familienfreundlichkeit in Kauf. War das Absicht oder schlicht die Paddeligkeit von Männern, die sich nicht darum sorgen müssen, dass abends noch Kinder ins Bett gebracht werden wollen, auf eine Gutenachtgeschichte warten oder die neuesten Erlebnisse des Tages erzählen? Eine Firmenleitung, die so viel Bewusstsein für die Umwelt besitzt, wird doch auch die soziale Umwelt nicht vernachlässigen wollen.

Dazu gehört die Familie. Wenn Sie in leitender Position arbeiten, stehen die Chancen sicherlich nicht schlecht, dass Ihre Situation berücksichtigt wird. Sprechen Sie mit denen, die Ihr Unternehmen nachhaltig gestalten wollen, und überlegen Sie, wie beide Ziele, die soziale und die ökologische Nachhaltigkeit, zusammenpassen können. Vielleicht geht es ja mit weniger Reisen. Das wäre nicht nur fürs Klima, sondern auch für das Familienklima das Beste. Vielleicht gibt es ja auch einige Väter, die sich insgeheim fragen, wie sie die eine oder andere Übernachtung im Hotel umgehen können.

Sie haben recht, meckern kommt immer schlecht, wenn die andere Seite moralisch unangreifbar ist. Gegen deren Anliegen ist ja auch nichts einzuwenden. Versuchen Sie es doch so: Setzen Sie eine innovative Idee obendrauf. Familienfreundlichkeit ist ja ebenfalls das Gebot der Stunde. Wie lassen sich Reisen im Zeitalter von digitaler Kommunikation vermeiden? Wie lassen sie sich so organisieren, dass die Mitarbeiter möglichst wenige Nächte in Hotelbetten oder Nachtzügen schlafen? Vielleicht lassen sich dann auch in Ausnahmen Flugreisen aushandeln, wenn die Familie es verlangt.






Erschienen in:
Ausgabe 16/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Lebensstil, Wirtschaft