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Haltung, bitte!

Zu Hause bleiben

Aus: Ausgabe 09/2014

„Mein Mann, der selbst beruflich mit Geld zu tun hat, will wegen der vielen Finanzskandale aus der Kirche austreten. Wir sind evangelisch, aber das tut vermutlich nichts zur Sache. Das Missmanagement, sagt er, zerstöre seinen Glauben. Wir sind beide in unserer Gemeinde seit Jahren engagiert. Mir ist die Kirche immer noch ein geistliches Zuhause. Haben Sie Argumente, mit denen ich ihn überzeugen kann?“ G.H., München

Man kann seinen Glauben schon mal verlieren, wenn auch in der Kirche Millionen verzockt werden, die eigentlich für die Sanierung des Turms, für die Erweiterung des Kindergartens oder für das neue Chorprojekt gedacht waren. Doch den Glauben woran? An die Klugheit von Finanzchefs, die sich verkalkulieren? Oder an die Einsicht, dass in der Kirche nicht immer die Besten ihres Fachs agieren? Hat sich Ihr Mann gewünscht, dass man seine Expertise mehr zu schätzen weiß? Gehört er zu den Mahnern, deren Appelle zu lange ungehört blieben?

Der Entschluss Ihres Mannes scheint das Ergebnis einer Verbitterung zu sein. Noch mal: Um welchen Glauben geht es? Christen glauben nicht an andere Christen, ja nicht einmal an die Kirche, schon gar nicht an Kreiskirchenämter oder Bischöfe. Sie glauben an Gott, wie er sich in Jesus Christus immer wieder zeigt. Dieser Glaube verträgt Krisen und Zweifel. Mag sein, dass sich hinter all den weltlichen Kulissen der Kirche diese Botschaft bisweilen versteckt.

Diese Versammlung der Heiligen ist eben auch eine Gurkentruppe, in der Irrtümer, Verrat, eigene Interessen, Neid und all die anderen menschlichen Regungen an der Tagesordnung sind. Das stärkste Argument haben Sie selbst formuliert: Die Kirche ist wie ein Zuhause. Da gibt es Streit, Verletzungen und Fluchtgedanken. Wer wollte seinem Zuhause noch nie den Rücken kehren? Machen Sie Ihrem Mann Mut, die verborgenen Winkel dieses Zuhauses wiederzuentdecken, die religiösen Räume, in denen das Glaubenkönnen leichterfällt. Ein tolles Konzert.

Ein Streitgespräch beim Abendessen mit der Pfarrerin. Die Kirche am frühen Morgen, wenn Sie beide ganz alleine sind unter dem Kreuz. Eine Kerze auf dem Altar. Sonst nichts.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen