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Haltung, bitte!

Würde wärmt

Aus: Ausgabe 07/2012

„Bei eisigen Temperaturen tun mir die Obdachlosen besonders leid. Ich bin hin- und hergerissen. Soll ich Geld geben oder vielleicht Lebensmittel? Geld spenden an den Kältedienst oder das Diakonische Werk? Eine Straßenzeitung kaufen? Was wäre hilfreicher?“ Rosemarie F., Montabaur

Vor ein paar Tagen spielte sich in der Berliner S-Bahn diese Szene ab. Auf einer Bank lag zusammengekauert eine Obdachlose und wickelte sich mit blau gefrorenen Händen in ihren Schlafsack. Eine hochgewachsene Dame im eleganten Mantel trat auf sie zu und sagte mit strengem Ton: „Mein Mädchen, Sie haben ja gar keine Handschuhe an. So holen Sie sich den Tod.“ Die Frau grummelte: „Ick hab se verloren.“ Der Zug fuhr ein, die Dame drehte sich schon zur Bahnsteigkante, da kehrte sie zur Bank zurück, streifte ihre Lammfellfäustlinge ab und gab sie der Frierenden. „Hier, nehmen Sie die“, sagte sie und half noch, sie über die verbeulten Finger zu ziehen. „Das ist doch naiv. Als hätte die Frau keine größeren Probleme als kalte Hände“, murmelte da ein Passant, seine Hände tief in der Daunenjacke vergraben. Dieser Schlaumeier mag recht haben. Vielleicht verschenkte die Frau ihre Fäustlinge aus schlechtem Gewissen und nicht aus reiner Nächstenliebe. Wer will das schon entscheiden? Meist mischen sich unsere Gefühle im Angesicht des Elends. Lammfellhandschuhe können vielleicht kein Leben, aber immerhin Fingerkuppen vor dem Erfrieren retten. Vielleicht wärmt die Freundlichkeit dieser Frau aber auch den Teil, der von der sozialen Kälte angegriffen wird. Ihre Würde. Wegsehen ist in diesen kalten Tagen keine lässliche Ignoranz, sie ist lebensgefährlich. Deshalb rufen Sie unbedingt die Polizei oder den Kältedienst, wenn Sie einen Menschen sehen, der sich in einem Hauseingang oder vor einer Ladenpassage verkrochen hat. Alkohol oder psychische Krankheiten machen diese Nächsten nicht nur unempfänglich für die lebensbedrohliche Kälte, sondern unter Umständen auch unempfänglich gegen unsere mildtätigen Gaben, die sie manchmal mit harschen Kommentaren quittieren. „Sind die hässlich“, meinte die Obdachlose auf der Bank dann auch zu ihren neuen Handschuhen. Aber sie hat gelacht.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik