Bekenntnis
Wofür würden Sie Ihr Leben geben?
Aus: Ausgabe 46/2011
An diesem Sonntag ist Volkstrauertag, die Nation gedenkt der Gefallenen der beiden Weltkriege. Heute mutet der Tod fürs Vaterland vielen wie ein Relikt aus vergangener Zeit an. Doch es gibt Werte, die großer Opfer wert sind. Eine Umfrage.

Anselm Grün
Nur in aller Vorsicht kann ich schreiben, dass ich bereit wäre, für meinen Glauben oder zur Rettung des Lebens eines anderen zu sterben. Aber ich kann für mich nicht garantieren. Wenn ich in der Situation wäre, mich zu entscheiden, mein Leben für den Glauben oder für einen anderen hinzugeben, dann kann ich nicht garantieren, dass ich dann wirklich bereit wäre oder doch viele Gründe finden würde, mein eigenes Leben zu retten. Daher bewundere ich Menschen, die dann, wenn es darauf ankommt, bereit sind, ihr Leben hinzugeben. Ich hoffe, dass ich nicht in die Entscheidungssituation komme. Und ich vertraue darauf, dass Gott mir dann den Mut gibt, mich richtig zu entscheiden.
Anselm Grün ist Benediktinermönch und Bestsellerautor.
Friedrich Schorlemmer
Ich wäre bereit, mein Leben einzusetzen, wenn ich Menschen verstecken könnte oder müsste, die in Diktaturen abgeholt werden. Hätte ich es nicht getan, ich würde es mir mein Leben lang nicht verzeihen. Mir hat sich das eingeprägt, seit ich als Fünfzehnjähriger das Tagebuch der Anne Frank gelesen habe. Und von Heinrich Böll habe ich den schönen Satz gelesen, er schaue einen Menschen danach an, ob er ihn verstecken würde. Ich will ein Mensch sein, von dem andere wissen: Der würde mich notfalls verstecken. Für mich hat der Einsatz für derart Bedrängte mit einem der mir wichtigsten Sätze Jesu aus dem Neuen Testament zu tun, den Luther so übersetzt hat: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Und Schaden an sich selbst erleidet man auch durch unterlassene Hilfeleistung.
Das hat mit meinem zweiten Maßstab zu tun: Wenn man sich seine Würde nicht mehr bewahren kann, muss man Freimut wagen, selbst wenn man die Konsequenzen nicht übersehen kann und nicht weiß, ob man die Kraft zum Durchhalten hat. Wir haben immer wieder dafür gebetet. Ich habe mich an einen Satz Dietrich Bonhoeffers gehalten: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus. Ich würde mein Leben auch aufs Spiel setzen, wenn man mir verweigern würde, mich meines eigenen Verstandes, meiner Einsicht, meiner Worte zu bedienen. Ich würde mir nie den Mund verbieten lassen für etwas, was gesagt werden muss. Es hat mich als Christ und als Pfarrer geprägt, dass Luther auf dem Reichstag in Worms gesagt hat: Gegen das Gewissen zu handeln ist unmöglich, unheilsam, schädlich. Deshalb konnte er seine Lehre nicht widerrufen.
Ich würde mich aber niemals aus Protest selber verbrennen, so wie Mönche in Tibet oder mein Pfarrerkollege Oskar Brüsewitz 1976 in Zeitz. Selbstverbrennungen erschüttern eher andere, aber helfen niemandem. Mein Leben würde ich nur aufs Spiel setzen, wenn ich anderen damit helfe.
Und schließlich würde ich mein Leben im Eintreten für Verfolgte riskieren. Ich weiß nicht, ob ich im Ernstfall, zum Beispiel in der Nazidiktatur, tatsächlich dazu bereit gewesen oder nicht auch ein folgsamer Hitlerjunge geworden wäre. Aber ich habe es mit unserer Geschichte in mein Innerstes aufgenommen, dass ich für Verfolgte eintreten muss und will. Deshalb, auch wenn ich es mit dem Wissen von heute sage: Ich hätte mich an den Vorbereitungen für den Mord an Hitler beteiligt. In der DDR-Diktatur habe ich mich für Opfer eingesetzt, auch als mein Leben bedroht war.
Friedrich Schorlemmer ist evangelischer Theologe und Bürgerrechtler. „Da wird auch dein Herz sein“ (Kreuz-Verlag) heißt sein neuestes Buch.
Lamya Kaddor
Der Tod kann eine Befreiung sein. Was aber bleibt darüber hinaus? Der Mensch hat die Macht, die Welt zu verändern. Kein anderes Lebewesen besitzt die Fähigkeit, die Erde mutwillig zu zerstören. Diese gewaltige Kraft ist Ausdruck der dem Menschen gegebenen Verantwortung, der Verantwortung für sich selbst, für sein Umfeld und seinen Kosmos. Hätten wir diese Verantwortung nicht, würden wir alle vor uns hin leben wie die Vögel am Himmel. Wir tun es nicht, die berauschende Wirkung der Macht lässt uns nicht los. Es gab, gibt und wird immer jemanden geben, der ihrem betörenden Duft erliegt. Übrig bleibt der Rest, der sich entscheiden muss, ob er sich diesen Usurpatoren fügt oder nicht. Ein Großteil der Menschheit leistet Widerstand. Erst dieser Widerstand sorgt für das seltsame Gleichgewicht, das die Welt als Ganze im Lot hält. Auch wenn das durch die Zeiten hinweg mit Millionen von Opfern verbunden war, endete es – bislang – nie in einem Exitus. Tot, kann ich zum Beibehalten dieses Gleichgewichts nicht beitragen. Und erst aus dem Gleichgewicht geraten, geriete meine Welt ins Rutschen. Die Lawine drohte diejenigen mitzureißen, deren moralische und reale Verantwortung mir übertragen ist.
Wie kann ich also mein Leben aus freien Stücken hingeben? Verzweiflung und Zwänge ausgenommen, ist mir der Märtyrergedanke seltsam fremd. Mein Tod hülfe keiner Sache. Es ist nicht das Martyrium, das auf lange Sicht von einem Menschen in Erinnerung bleibt. Es ist das Leben, die Leistungen und Errungenschaften des Seins. Der Glaube, sein Leben zu opfern brächte irgendjemandem Befreiung, ist ein Irrglaube. Der Einsatz der menschlichen Fähigkeit ist es, der Befreiung bringen kann, der die Zahl der Opfer minimieren hilft. Wer sein Leben hingibt, nützt nur denjenigen, die sich hinter dem Tod verstecken, denjenigen, die an den Schaltstellen der Macht walten. Ja, ich gebe mein Engagement, meine Leidenschaft und meine Risikobereitschaft, aber mein Leben gäbe ich nicht.
Lamya Kaddor ist islamische Religionspädagogin und Autorin. 2010 veröffentlichte sie bei C. H. Beck „Muslimisch, weiblich, deutsch“.
Nikolaus Schneider
Wofür ich wirklich sterben würde, muss sich zeigen, wenn es so weit ist – das kann niemand vorhersagen.
Bis dahin meine ich: für die Liebe und um der Liebe willen. Die Liebe Gottes erfahre ich durch Geliebtwerden und in meiner Liebe zu Menschen. Ich wäre bereit zu sterben für Menschen, denen ich in Liebe verbunden bin.“
Präses Nikolaus Schneider ist Vorsitzender des Rates der EKD.
Julia Friedrichs
Ich bin 1979 in einer Kleinstadt im Münsterland zur Welt gekommen und gehöre einer Generation an, die nur ein Leben in Frieden, Freiheit und Demokratie kennt. Ich empfinde es als Glück, dass sich mir nie die Frage gestellt hat, für welches Ideal ich bereit wäre, mein Leben zu opfern. Ich könnte schreiben, dass ich bereit wäre, in den Tod zu gehen, um die Freiheit zu bewahren, um einen Kampf gegen Despoten zu führen, um das Leben meiner Familie zu retten. Aber ich fände es vermessen, diese Frage theoretisch zu beantworten. Ich weiß nicht, ob ich im Extremfall mutig oder feige wäre, ob ich im Angesicht der Gefahr fliehen würde oder standhaft bliebe.
Als ich für mein Buch „Ideale – Auf der Suche nach dem, was zählt“ ein Interview mit Günter Grass führte, erzählte er, dass er sich noch heute vorwirft, mit 14 Jahren geschwiegen zu haben, als ein Lehrer ins KZ verschleppt wurde und man den Cousin seiner Mutter bei der Verteidigung der Polnischen Post in Danzig erschoss. Er sagte, er schäme sich, ein Hitlerjunge und dann, mit 17, ein SS-Soldat gewesen zu sein. Während des Gesprächs war ich erleichtert, dass ich mit 14 Jahren ein Jahr zwischen Mathearbeiten und Korsika-Urlaub verbringen durfte. Es sei gut, sagte Grass, dass meiner Generation die Erfahrungen, die er machen musste, erspart blieben. „Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass es nicht nötig ist, sich einzumischen.“
Obwohl die Jungen die Probleme durchaus wahrnehmen, folgen die wenigsten dem Rat, den Grass mir mitgab. Meine Generation gilt als pragmatisch, als abgeklärt, als visionslos. Statt für eine bessere Welt kämpften die meisten Jungen für ein besseres Ich, urteilt einer der Autoren der Deutschen Jugendstudie. Auch ich bin Teil dieser pragmatischen Generation. Je länger ich über das Thema „Ideale“ nachdachte, umso mehr Sätze in meinem Kopf fingen mit „Eigentlich müsste man…“ an. Eigentlich müsste man sein Leben ändern, vegetarisch essen, nicht fliegen, keine Wegwerfprodukte kaufen. Eigentlich müsste man auch die Welt ändern – protestieren, spenden, in Parteien gehen. Warum tust du es nicht?, fragte ich mich und reiste ein Jahr durchs Land, um eine Antwort zu finden.
Es ist bizarr: In einem Land, in dem es so einfach wäre, für Dinge zu kämpfen, verharren so viele in Untätigkeitsstarre. „Es geht uns noch nicht schlecht genug“, sagten viele, denen ich mein Leid darüber klagte, dass so viele mit den Protesten gegen die Finanzmärkte sympathisieren, so wenige aber bereit sind, dafür auf die Straße zu gehen. Eigentlich ist es Unsinn, zu warten, bis die Lage bedrohlich ist. Eigentlich wäre es clever, sich jetzt einzumischen, jetzt alles zu tun, damit niemand in diesem Land die Frage, für welches Ideal er sein Leben opfern würde, jemals wieder wird beantworten müssen.
Julia Friedrichs ist Journalistin und Buchautorin. Ihr neuestes Buch heißt „Ideale“ (Hoffmann und Campe).
Raphael Seligmann
Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt“, weiß das Judentum. Ich liebe das Leben und verachte Kaffeehausheroen sowie politische Demagogen, die andere auffordern, für vermeintlich hehre Ideale ihr Leben wegzuwerfen, während sie selbst in Sicherheit die von ihnen heraufbeschworenen Gefahren und Kriege überstehen.
Dennoch kann ich mir Situationen vorstellen, in denen ich bereit wäre, mein Leben einzusetzen oder gar zu opfern. In erster Linie für meine Frau und meine Kinder. Sie schenken mir Liebe und geben meinem Dasein eine Perspektive. Die Jungen haben ihr Leben noch vor sich. Für sie würde ich im äußersten Fall meines dareingeben.
Und das Vaterland? Für das es angeblich „süß und ehrenvoll“ ist, zu sterben? Der Tod ist nicht süß, und auf Ehre war ich nie versessen. Mir ist bekannt, dass eine menschliche Gemeinschaft nur Bestand haben kann, wenn ein nennenswerter Anteil ihrer Mitglieder bereit ist, diesen Verband unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen. Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Polizisten – Soldaten. Diese Bereitschaft ist auch für die demokratischen Gemeinschaften unabkömmlich. Ich bin der Meinung, dass der Waffeneinsatz auf die Landesverteidigung begrenzt werden muss. Militärische Aktionen in Übersee – etwa nach dem Motto: „Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt“ – erweisen sich in der Praxis als falsch.
Es gab und gibt Konstellationen, in denen sich Völkermorde nur unter Einsatz von Gewalt hätten verhindern lassen. Da dies nicht geschah, wurden Millionen Menschen umgebracht. Während meiner Lebenszeit ereigneten sich Genozide in Kambodscha und Ruanda. Die internationale Staatengemeinschaft hat sie nicht unterbunden. „Internationale Staatengemeinschaft“ ist ein Alibi. Jeder von uns hätte alles tun müssen, um diese Verbrechen zu vereiteln, selbst unsere Existenz dafür einsetzen. Fürs Soldatenhandwerk bin ich zu alt. Doch als Journalist tauge ich noch etwas. Gelegentlich kann ein Krieg, kann ein Massenmord verhindert werden, wenn die Weltöffentlichkeit rechtzeitig von der Bedrohung erfährt. Dies ist die Aufgabe des Publizisten. Meine Aufgabe. Dafür muss ich bereit sein, mein Leben einzusetzen.
Wenn ich annehmen müsste, dass der Iran Anstalten trifft, Israel mit Kernwaffen anzugreifen, was leider kein abstraktes Gedankenspiel ist, wäre es meine Bringschuld, trotz eigner Gefährdung nach Israel zu reisen, um über diese Bedrohung zu berichten. Diese Bereitschaft ist nicht auf Israel beschränkt. Sie muss global gelten. Dabei unter Umständen zu sterben wäre weder süß oder noch ehrenvoll, sondern das Pflichtprogramm meines Lebens als Mensch und Publizist.
Rafael Seligmann lebt als Publizist in Berlin. Von ihm erschien zuletzt seine Autobiografie „Deutschland wird dir gefallen“ (Aufbau).
Norbert Stäblein
Ich liebe das Leben und ich hänge daran. Mir vorzustellen, dass ich irgendwann entscheide, mein Leben zu geben, fällt mir schwer. Denn das Leben ist das höchste Gut, welches wir kennen. Es besteht aus Abhängigkeiten: Wir leben zusammen, wir beeinflussen uns durch unser Leben, und wir müssen immer wieder aufs Neue dieses Zusammenleben organisieren.
Zudem überlege ich, ob ich selbst Herr über mein Dasein bin, denn zunächst waren es meine Eltern, die Leben zeugten, und dann die eigene Familie, eigene Kinder, die auf das Leben wirken. Schließlich steht auch die Frage nach der Verantwortung vor Gott vor der Überlegung, wofür ich bereit wäre, mein Leben zu geben.
Nach Abwägung all dieser Faktoren ist mir klar: Ja, ich wäre bereit, mein Leben zu geben. Ich wäre dazu bereit, wenn es nach Abwägung aller Möglichkeiten keine Alternative gäbe, wenn ich derjenige wäre, der mit seinem Einsatz für andere etwas Höheres erreichen kann, und wenn ich davon überzeugt wäre, dass genau ich in diesem Moment der Einzige bin, der wegen seines Wesens, seiner Kenntnisse und seiner Einstellung mit diesem Schritt etwas erreichen kann. Und ich wäre bereit, wenn ich durch diese Tat meine Familie, all diejenigen, die ich liebe und die mich lieben, nicht übermäßig belaste, allein zurückließe. Ich wäre bereit, wenn ich meinen Frieden in mir fände und Frieden mit den Menschen in meiner Umgebung.
Ich wäre dann bereit, für Menschen, denen keine Alternative offenstünde, einzutreten oder für die Menschenrechte. Als Christ, als einer, der eine Redaktion führt, und als Reserveoffizier wäre es mir das wert. Ich hoffe aber, dass dieser Schritt in Demut und Verantwortung für das Leben erfolgen würde. Ein Held möchte ich nicht sein.
Norbert Stäblein ist Chefredakteur des Bundeswehr-Magazins „Y“ und Reserveoffizier mit Dienstgrad Oberstleutnant.





