www.zeit.deProbe-Abo

Nigeria

Wo die Kirchen brennen

Aus: Ausgabe 02/2012

Nach den Anschlägen droht das Land im Chaos zu versinken. Ohne internationale Hilfe kann der Kampf gegen Afrikas Taliban nicht gewonnen werden, meint Erzbischof Ignatius Kaigama.

© Besorgt: Ignatius Kaigama, Vizechef der nigerianischen Bischofskonferenz, hofft, dass Christen und Muslime sich gemeinsam gegen den Terror von Boko Haram wehren.

Christ & Welt: Droht Nigeria nach den Anschlägen ein Religionskrieg zwischen Christen und Muslimen?
Ignatius Ayau Kaigama: Das Misstrauen ist enorm. Die Leute fürchten, dass sich die Krise zu einem gefährlichen Religionskrieg hochschaukelt. Wenn die Behörden die Lage nicht schnell unter Kontrolle bekommen, ist alles möglich. Doch die Gründe für den Konflikt liegen jenseits von Religion, auch wenn Religion ein wichtiger Faktor ist.

C & W: Was sind die Gründe?
Kaigama: Es sind definitiv politische Gründe. Die islamistische Bewegung Boko Haram und die Leute, die sich hinter ihr verstecken, benutzen Religion als Waffe. Mit den Anschlägen wollen sie auf sich aufmerksam machen und politische Verwirrung stiften. Es gibt Leute, die mit Nigerias Präsident Goodluck Jonathan unzufrieden sind, und sie verschanzen sich hinter Boko Haram (siehe Link unten: Hintergrund).

C & W: Wie ist denn das Image von Präsident Jonathan in Nigeria?
Kaigama: Jonathan ist ein freundlicher und intelligenter Mann. Er hat gute Ideen und ambitionierte Pläne. Leider kann ich von den Leuten, mit denen er sich umgibt, nicht dasselbe sagen. Viele Nigerianer halten Jonathan allerdings für zu langsam, sie meinen, er müsste aktiver sein. Ich finde, Jonathan muss aufwachen. Er muss sicherstellen, dass seine Wegbegleiter aufrichtig und verlässlich sind und nicht korrupt und geldgierig. Es ist nicht leicht, Nigeria zu regieren.

C & W: Ist die Regierung nicht fähig oder nicht willig, gegen die ausufernde Gewalt vorzugehen?
Kaigama: Ich gehe davon aus, dass sie zu den Ursachen des Problems vordringen kann, wenn sie will. Aber es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Leute mit Verbindungen zu Boko Haram verhaftet und dann ohne Angabe von Gründen wieder freigelassen werden? Wie kann es sein, dass Boko Haram intelligenter ist als die Armee, die Polizei oder der Geheimdienst?

C & W: Wird Boko Haram mit externen Geldern finanziert?
Kaigama: Bis jetzt ist alles pure Spekulation. Vor zehn Jahren war Boko Haram eine lokale Gruppe. Jetzt verfügen sie über modernste Waffen, sie greifen Gebäude der Uno an, das größte Polizeihauptquartier in Nigeria, Banken und viele unschuldige Menschen. Das sind nicht mehr die Fundamentalisten, die westliche Erziehung aus dem Land verbannen wollten, weil diese anscheinend dem Koran widerspricht. Ich glaube, dass es einflussreiche Verbindungen auch ins Ausland gibt. Aber das ist Aufgabe des Geheimdienstes, das herauszufinden. Bis jetzt wissen wir noch nicht einmal, wer hier in Nigeria hinter Boko Haram steckt.

C & W: Befürchten Sie Racheakte von christlicher Seite?
Kaigama: Die Opfer der Gewalt können nicht all ihre Schmerzen für sich behalten, sie werden auf die eine oder andere Weise reagieren. Wer seine Familie verloren hat, ist verärgert und verbittert. Wir predigen den Verzicht auf Gewalt. Unser Gospel ist Liebe, wir setzen auf Dialog, Frieden und Vergebung. Doch wir können nicht alle Menschen überall beobachten.

C & W: Wie verhalten sich die muslimischen Geistlichen?
Kaigama: Unmittelbar nach den Anschlägen hat sich der Sultan von Sokoto, der als spirituelles Oberhaupt der Muslime in Nigeria gilt, mit dem Präsidenten getroffen. Ich war sehr glücklich, dass der Sultan die Gruppe Boko Haram emphatisch und kategorisch verurteilt hat. Er hat sie als antiislamisch und kriminell bezeichnet. Das ist eine neue Entwicklung. Bisher herrschte eine Art konspiratives Schweigen. Berühmte religiöse Oberhäupter, Stammesführer und Prominente – sie alle schwiegen. Aber seit den Anschlägen in Madalla beobachte ich, wie die Wut auf beiden Seiten, bei Christen und Muslimen, wächst.

C & W: Trägt der Anschlag also dazu bei, dass sich die Gläubigen gemeinsam gegen die Gewalt wehren?
Kaigama: Vor zwei Tagen habe ich im Fernsehen gesehen, dass Muslime am Gottesdienst in der Gemeinde in Madalla teilgenommen haben. Ich selbst habe viele Beileidsschreiben von Muslimen bekommen. Alle haben die Anschläge verurteilt. Es gibt einen gemeinsamen Willen, die Gewalt zu überwinden. Doch es gibt Leute, die wollen keinen Frieden zwischen Christen und Muslimen. Sie wollen, dass das Land im Chaos versinkt, um ihre eigenen politischen Interessen voranzutreiben. Sie wissen, dass die Bilder von brennenden Kirchen um die Welt gehen und freuen sich über diese negative Publicity. Sie wollen das Land unregierbar machen. Dann können sie sagen, schaut her, Präsident Jonathan ist Christ, aber er ist unfähig, das Land zu regieren. So einen Präsidenten brauchen wir nicht.

C & W: Gibt es eine Verbindung zum Öl?
Kaigama: Ich glaube nicht, dass wir um Öl kämpfen. Das Hauptproblem ist auch nicht Religion, sondern es geht um einen politischen Machtkampf. Die Religion dient nur dazu, dies zu verschleiern. Denn die religiösen Anführer treffen sich regelmäßig und befinden sich im Dialog. Sie werden ja auch vom Präsidenten eingeladen. Ich als religiöser Führer hier im Bundesstaat Plateau jedenfalls habe mich niemals mit jemandem getroffen, um Muslime anzugreifen oder einen religiösen Krieg anzuzetteln und umgekehrt auch nicht. Was also ist mit Religion wirklich gemeint? Hinter diesen ganzen Auseinandersetzungen stecken bösartige Kräfte, die ihre eigenen politischen Ziele verfolgen. Sie missbrauchen die Religion für ihre Zwecke.

C & W: Könnte Deutschland Nigeria dabei helfen, die Krise zu überwinden?
Kaigama: Ich finde, Nigeria sollte demütig genug sein, Hilfe zu erbitten. Die Terroristen und die Böswilligen verfügen über ein Netzwerk, das über Nigeria hinausgeht. Wir schaffen es nicht alleine, wir brauchen Unterstützung, zum Beispiel eine bessere Ausrüstung für unsere Soldaten und Polizisten. Sogar die Kinder können sehen, dass die Verbrecher über bessere Waffen verfügen. Wir brauchen auch bessere Kontrollen auf unseren Straßen und Flughäfen, um die Verkehrsströme zu beobachten, und Training für unsere Sicherheitskräfte. Dabei könnten uns Deutschland und andere Länder unterstützen.

C & W: Im Juli 2011 war Kanzlerin Angela Merkel auf Staatsbesuch in Nigeria. Hat Präsident Jonathan das Thema Hilfe damals angesprochen?
Kaigama: Nein. Aber die Regierung sollte jetzt ihren Stolz überwinden und um Hilfe bitten. Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen, wie unsere Leute sterben. Es ist wie beim Drogenhandel. Der lässt sich auch nur international bekämpfen.

Das Gespräch führte Astrid Prange.

Hintergrund

Christen auf der Flucht

Brennende Kirchen und Moscheen – im bevölkerungsreichsten Land Afrikas mit rund 160 Millionen Einwohnern tobt seit Langem ein blutiger Religionskrieg zwischen Christen und Muslimen. Nach den Anschlägen auf die katholische Gemeinde St. Theresa in Madalla in der Nähe der Hauptstadt Abjua am ersten Weihnachtsfeiertag greift die Angst vor einer Eskalation religiöser Gewalt erneut um sich.

Zu der Gewaltserie, bei der insgesamt 49 Menschen ums Leben kamen, bekannte sich die islamistische Sekte Boko Haram. Am vergangenen Sonntag forderten die Anführer der Bewegung zudem Christen ultimativ auf, den Norden des Landes innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Nigerias Staatspräsident Goodluck Jonathan hat den Kampf gegen Boko Haram verstärkt und mittlerweile über mehrere Regionen im Norden des Landes den Ausnahmezustand verhängt. So sind aufgrund der Gefechte zwischen Regierungstruppen und Anhängern der islamistischen Bewegung aus der Region rund um die nordöstliche Stadt Damaturu bereits 90?000 Menschen geflohen. Um terroristische Angriffe zu verhindern, sollen Landesgrenzen geschlossen werden.

Der Norden Nigerias ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt, während im ölreichen Süden die Christen in der Mehrheit sind.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Tod