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Vatikan

„Wo bleibt das Fingerspitzengefühl?“

Aus: Ausgabe 07/2012

Ist Benedikt XVI. eine grandiose Fehlbesetzung? Papstkritiker Marco Politi über Defizite und Denkanstöße des intellektuellen Kirchenoberhauptes.

Umstritten: Der deutsch-italienische Journalist Marco Politi berichtete 20 Jahre lang für die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ aus dem Vatikan. Er entlockte Benedikt das letzte Interview vor seiner Wahl zum Papst. Sein Buch „Joseph Ratzinger: Krise eines Pontifikats“ löste in Italien eine anhaltende Debatte aus. © Bottaro/Fotogramma/ROPI

Christ & Welt: Sie behaupten, Benedikt XVI. sei 2005 quasi irrtümlich zum Papst gewählt worden. Das müssen Sie uns erklären!
Marco Politi: Ich habe nicht behauptet, Benedikt sei irrtümlich gewählt worden. Aber er konnte nur aufgrund einer neuen Wahlordnung ins Amt kommen: Johannes Paul II. hatte für dieses Konklave die tausend Jahre gültige Regel der Zweidrittelmehrheit abgeschafft. Ab einem bestimmten Wahlgang hätte die einfache Mehrheit genügt. Das sorgte für Druck in der Sixtina. Ratzinger war der Kandidat einer gut organisierten Gruppe konservativer Kardinäle aus Spanien und Lateinamerika. Die Reformwilligen wussten, eine Woche später hätten sie Ratzinger ohnehin akzeptieren müssen. Daher haben sie es gleich getan.

C & W: War denn gar kein anderer Kandidat in Sicht?
Politi: Nach 2000 war Ratzinger wegen seines intellektuellen Formats die einzige große, international anerkannte Persönlichkeit unter den Kardinälen. Mögliche Widersacher waren entweder schon tot oder – wie der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini – gesundheitlich so angeschlagen, dass sie nicht infrage kamen. Das Bild des kranken Johannes Paul war ja noch präsent. Wahr ist allerdings auch, dass Ratzinger dieses Amt nicht wollte. Er ist ohne jeden Ehrgeiz ins Konklave gegangen.

C & W: …und jetzt seit bald sieben Jahren Kirchenoberhaupt. Sie machen sich die Kritik zu eigen, Benedikt XVI. sei ein Teilzeitpapst, der vormittags die Weltkirche lenkt und nachmittags Bücher schreibt. Was haben Sie gegen einen intellektuellen Papst?
Politi: Selbstverständlich ist es interessant, wenn Päpste Bücher schreiben. Das Problem ist, dass Benedikt kein Fingerspitzengefühl für das Regieren hat. Ein Papst kann nie nur eine rein spirituelle oder intellektuelle Persönlichkeit sein. Er muss auf gewisse Weise auch Politiker sein. Er muss diesen riesigen Organismus mit mehr als einer Milliarde Gläubigen leiten, reformieren und ihn mit der Welt interagieren lassen. Diese Dimension fehlt Benedikt XVI. Deshalb hat unter ihm die Präsenz des Heiligen Stuhles in der Weltpolitik abgenommen.

C & W: Woran machen Sie diese Beobachtung fest?
Politi: Seit einem Jahr ist die arabische Revolution im Gang: das wichtigste politische Ereignis seit dem Mauerfall, mit vorerst offenem Ausgang. Es gibt Hoffnung, Risiken, Gefahren. Zu diesen Umbrüchen in der arabischen Welt hat der Papst ein Jahr lang nichts Wichtiges gesagt, obwohl sie sich quasi vor seinem Fenster am Mittelmeer abspielen.

C & W: Sie schreiben, der Papst sei „einsam“ und pflege zu wenig
Kontakte. Wie kommt es, dass andere Beobachter genau das Gegenteil feststellen?
Politi: Persönlich hat der Papst eine ausgesprochen hörende Haltung. Das sagen auch alle, die damals in der Glaubenskongregation mit ihm gearbeitet haben: Ratzinger mochte die Teamarbeit. Aber vergleichen wir ihn mit anderen Päpsten: Die hatten entweder beste Kenntnisse der Vatikan-Maschinerie wie Pius XII. und Paul VI., oder sie hatten geopolitisches Talent und waren extrem kontaktfreudig wie Johannes Paul II. Der kam aus Polen und kannte die Kurie sehr wenig. Aber das glich er aus, indem er täglich Gäste zum Essen einlud, Pfarrer, Intellektuelle, Wissenschaftler, Freunde, auch nichtkatholische, um zu hören, was in der Welt vorgeht. Benedikt isst nur mit seinen eigenen Leuten, seinen Pressesprecher sieht er tage- und wochenlang nicht. Und seine Diplomaten, die in der ganzen Welt Dienst tun und Wissen aus erster Hand haben, empfängt er nur, wenn sie ihren Einsatzort wechseln. So fehlt ihm der Puls der geopolitischen Situation.

C & W: Ich nenne Ihnen ein Gegenbeispiel für Ihre These des „einsamen Papstes“: die Bischofssynode. Bischöfe aus der ganzen Welt kommen für drei Wochen in den Vatikan und beraten über ein ausgewähltes Thema. Benedikt ist der erste Papst, der drei Wochen lang dabeisitzt und zuhört.
Politi: Er hat auch eine Stunde freier Diskussion pro Tag eingeführt. Trotzdem, die Synode ist weiterhin ein großer Debattierklub geblieben, klagen Bischöfe aus der ganzen Welt. Ein Instrument der Mitbestimmung ist sie auch unter Benedikt nie geworden.

C & W: Als Benedikt frisch gewählt war, sagte er, er wolle mehr Mitbestimmung ermöglichen. Weshalb hat Ratzinger seine eigene Marschroute nicht eingeschlagen?
Politi: Gerade das zeigt die Kluft zwischen seinem hohen Intellekt und seinem fragmentarischen Regierungshandeln. Eine meiner Quellen im Vatikan erzählte mir, der Papst sei sich darüber im Klaren, dass er kein langes Pontifikat haben wird, und deshalb möchte er keine Keime der Unruhe säen, mit der andere nach ihm fertig werden müssen. Das offenbart schon auch eine gewisse Ängstlichkeit im Entscheiden als Charakterzug.

C & W: Sie sehen das Pontifikat Benedikts als eine Abfolge von Missgeschicken, und die zeichnen Sie in Ihrem Buch detailliert nach, von der Regensburger Rede über die Kondomfrage bis hin zur Affäre Williamson. Wo liegen die Ursachen für die Skandale, die der Papst, ohne es zu wollen, losgetreten hat? Sabotage in der Kurie?
Politi: Sabotage in der Kurie sehe ich nicht. Dort sind zwar verschiedene Meinungen vertreten, aber gegen den Papst spielt man nicht. Ich denke, Benedikt hat in der Wahl seines engsten Mitarbeiters nicht weitsichtig genug gehandelt. Als Staatssekretär hat sich der Theoretiker einen anderen Theoretiker geholt. Kardinal Tarcisio Bertone brachte keinerlei diplomatische Erfahrung mit und blieb immer ein Außenseiter an der Kurie. Ein Staatssekretär muss den Apparat kennen und außenpolitisch erfahren sein. So ein Mann hätte die meisten Fehltritte in letzter Sekunde verhindern können.

C & W: Es gibt auch vieles, was dieser Papst gut macht. Er hat strenge Regeln gegen Missbrauch eingeführt, sich als erster Papst mit Opfern getroffen. Er hat eine singuläre Enzyklika über Globalisierung geschrieben. Warum ist es anscheinend nicht schick, von den Erfolgen des Papstes zu reden?
Politi: Das Beste, was Benedikt tut, ist sein Wirken als Prediger und Theologe. Es fasziniert mich, wie er in solchen Momenten auftritt. Er hat das Talent, das Christentum in seinem Kern wirksam vorzutragen. Christentum ist Liebe. Man kann nicht Gott lieben, wenn man den Nächsten nicht liebt. Ich habe oft erlebt, dass er nicht nur einen intellektuellen Hörsaal erobert wie in Paris oder im Deutschen Bundestag, sondern dass er genauso die Seelen erobert in einer kleinen römischen Pfarrei. Aber in der modernen Gesellschaft ist es entscheidend, wie man die Medien für sich zu nutzen versteht. Johannes Paul II. hatte die Gabe, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken und sie sogar zu manipulieren. Das fehlt diesem Papst.

C & W: Sie wollen einen Papst, der die Medien manipuliert?
Politi: Ich glaube, dass ein Leader heute in der Medienwelt wirken muss. Oft spricht man in der Kirche von der Beziehung zur Medienwelt. Das ist falsch herum gedacht. Man hat keine Beziehung zur Medienwelt, man lebt in ihr.

C & W: Warum hat diese Medienwelt darauf verzichtet, über das Treffen der Religionen in Assisi im vergangenen Oktober zu berichten?
Politi: Die Sache ist die: Wer mit Andersgläubigen reden will, kann nicht eine moralische Herrschaft nur für sich selbst beanspruchen. Sondern er muss einen ethischen Pluralismus zulassen. Das heißt nicht, dass alles gleich gültig ist. Aber man sollte anerkennen, dass etwa die Protestanten, wenn sie Homo-Verbindungen segnen, ebenfalls eine tiefgründige Position vertreten.

C & W: Das hieße, die Öffentlichkeit straft den Papst, weil er absolutistisch auftritt?
Politi: Nein, ich glaube, die Öffentlichkeit versteht diesen Papst nur bruchstückhaft. Benedikt imponiert mit seiner Wahrhaftigkeit und mit der Tiefe, mit der er ethische Probleme anspricht. Andererseits schockiert er mit gewissen Positionen. Nehmen wir die Kondomfrage. Interessanterweise ist er der erste Papst, der ohne mit der Wimper zu zucken überhaupt das Wort Kondom benutzt. Diese Direktheit gefällt. Aber Millionen von Christen können die Debatte überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Ist man ein akzeptabler Christ oder nicht, wenn man Pille oder Kondom benutzt? Das ist doch eine Frage wie aus einer anderen Welt, das hat die öffentliche christliche Meinung längst abgehakt.

C & W: Gerade die Kondomdebatte zeigt, dass der Papst bei uns Missbilligung auf sich zieht. Neigen wir dazu, den Papst nur aus europäischem Blickwinkel zu beurteilen?
Politi: Man sieht nun einmal im Zentrum die Krisenzeichen sehr klar. Deshalb misst man die päpstliche Regierung ja daran, ob sie die offenen Fragen anpackt oder liegen lässt. Es geht da auch um Theologisches. Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene etwa betreffen die ganze katholische Kirche. Oder das Problem in der Dritten Welt, dass monatelang kein Priester für die Messe da ist. Auch die Rolle der Frau ist hier wie dort ein Thema. Es war eine afrikanische Ordensschwester, die bei der Afrika-Bischofssynode ausgerufen hat: „Wir wollen nicht eure Socken waschen, wir wollen mit evangelisieren!“ Also, die Befunde gelten für die ganze Weltkirche.

C & W: Wie erklären Sie sich die Hassliebe der Deutschen für ihren Papst?
Politi: Die kommt auch daher, dass in Deutschland viel Theologie betrieben wird, weshalb die Sensibilität für diese Fragen hoch ist. Und man spricht seine Missbilligung lauter aus als in Italien. Bei uns ist man oft genauso wenig einverstanden mit moralischen Vorgaben der Kirche wie in Deutschland, denkt sich aber, nun, diese Frage werde ich im Stillen für mich lösen.

C & W: Benedikt XVI. hat seine Qualitäten – warum ist er aus Ihrer Sicht dennoch der falsche Mann für den Job?
Politi: Ich bin sehr beeindruckt von seinem Intellekt. Was in der Öffentlichkeit auch wenig gesehen wird, ist, dass er in einem intimen Kreis auch eine herzliche und humorvolle Persönlichkeit ist. Aber ich frage mich, ob er ein Leader ist. Das muss jeder gründliche Beobachter tun, ob es sich um Obama, Gorbatschow oder Ratzinger handelt.

Das Gespräch führte Gudrun Sailer.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2012
Redakteur:
Gudrun Sailer ()
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Papst