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Jörg Schönbohm

Wir vergessen uns selbst!

Aus: Ausgabe 45/2011

Atomausstieg, Wehrpflicht, Kinderbetreuung, Mindestlohn: Die Kanzlerin rückt nach links. Nicht alle in der Union tragen das mit. Jörg Schönbohm, lange Jahre Mitglied im Präsidium der Bundes-CDU, hat mit Gleichgesinnten ein Gesprächsbuch über den Unmut in der Partei verfasst. Er ist sicher: Deutschland schwindet dahin.

Jörg Schönbohm, Generalleutnant a. D., gehört zu den prominentesten Konservativen in der CDU. © Jens Schlueter/dapd/DDP

Christ & Welt: Kennen Sie Waldorf und Statler?
Jörg Schönbohm: Nein.

C & W: Das sind zwei ältere Herren aus der Muppet Show, die in der Loge sitzen und auf alles schimpfen, was passiert.
Schönbohm: Klar, die kenne ich.

C & W: Daran erinnert mich Ihr Buch: Sitzen vier in der Loge und schimpfen.
Schönbohm: Nein. Unser Gespräch zu diesem Buch kam zustande, als wir uns fragten, wie es weitergehen soll mit der Politik. Wir dachten: Warum sollten wir das nicht festhalten? Wobei ja nicht alles, was dort gesagt wird, die Position aller Beteiligten wiedergibt. Wir nehmen in diesem Buch die Unruhe in der Union auf, die Frage: Wohin gehen wir? Die Union hat ja ab 2002 einen Strategiewechsel vorgenommen, hin zum linksliberalen Milieu, um Wechselwähler zu gewinnen. Die Stammwähler kommen sowieso, hieß es. Diese Strategie ist erkennbar nicht aufgegangen.

C & W: Gemeinsam mit Arnulf Baring, Josef Kraus und Mechthild Löhr gehen Sie mit Angela Merkel ins Gericht. Ist alles schlecht, was sie tut?Schönbohm: Nein, die positiven Punkte, über die wir auch gesprochen haben, stehen nicht im Buch, die werden als gegeben angenommen. Uns geht es um die Frage: Wo stehen wir, was müssen wir ändern, um voranzukommen?

C & W: In Ihrem Buch ist, nur zum Beispiel, von Merkels „taktischer
Raffinesse“ die Rede, von ihrem „lautlosen Taktieren“. Das klingt sehr harsch. Woher kommt dieses Ressentiment?
Schönbohm: Das sind nicht meine Formulierungen, sondern die von anderen Teilnehmern.

C & W: Aber Sie widersprechen auch nicht, wenn es heftig wird!Schönbohm: Ich denke, dass diese Kritik überzogen ist, weil Frau Merkel doch eine Politik macht, die versucht, die Wähler mitzunehmen. Auf der anderen Seite hat sie Positionen in der Union aufgegeben, die für die Union wichtig waren. Das ist meine Kritik. Dazu gehört, dass sie keine Männer und Frauen hat groß werden lassen: Wer spricht in der Union für die Wirtschaftspolitik? Wo ist derjenige, der erkennbar für die Außenpolitik steht?

C & W: Koch ist weg, Merz ist weg, das alte Lied. Aber ist das Merkels Schuld, wenn die Leute sich auf übrigens sehr
lukrative Posten verziehen?
Schönbohm: Ich sehe nicht, dass Frau Merkel andere hat groß werden lassen, die die Position von Koch, Merz und vielleicht Volker Rühe ersetzen. Die Jungen in der Partei besetzen diese Positionen nicht, weil sie sehen, dass das nicht förderlich ist. Der Partei geht damit etwas Wichtiges verloren. Wer steht für das Konservative in der Union? Da kommt nichts nach.

C & W: Sind die Konservativen feige? Vielleicht sind sie ja auch nur klug: Wo kommt man schon an, wenn man sich als konservativ outet?Schönbohm: Darum kann man streiten. Wir sagen nur, dass diese Positionen in der Union geräumt wurden. Das sehen viele so.

C & W: Warum machen nicht die jüngeren Aktiven den Mund auf?Schönbohm: Ich habe, nicht nur, als ich im Präsidium der CDU war, meinen Mund immer aufgemacht und gesagt, was ich denke.

C & W: Und jetzt poltert also die Viererbande gegen die „Große Vorsitzende“, wie Angela Merkel genannt wird?
Schönbohm: Sie können mich nicht in die Pflicht nehmen für das, was andere in dem Buch sagen! Es gab keine Zensur.

C & W: Josef Kraus etwa findet es eine „bodenlose Frechheit“, wie Merkel den Papst kritisiert, es sei „ungeheuerlich, was sich die Pastorentochter hier erlaubt hat“. Klingt ganz schön eifernd.
Schönbohm: Das ist nicht als Hetze gemeint, das ist die Betroffenheit eines katholischen Mitbürgers.

C & W: Warum machen Sie ohne Widerspruch dabei mit, das ist doch stillos.
Schönbohm: Ich muss ja nicht jedes Mal widersprechen. Ich bin Protestant, aber Frau Merkels Kritik am Papst hat mich auch überrascht, muss ich sagen. Und darüber kann man ja auch diskutieren.

C & W: Baring fragt: „Sagt mal, Ihr Lieben, interessiert das eigentlich irgendjemanden, was wir hier reden?“
Schönbohm: Diese Frage habe ich mir auch ständig gestellt.

C & W: Und?
Schönbohm: Ich bin mir nicht sicher. Das Buch entstand aus dem Gefühl, eine Diskussion anstoßen zu müssen. Ob das gelingt, wird man sehen. Das Unbehagen innerhalb der Union wird schon reflektiert.

C & W: Jammern und Klagen hilft wenig. Originell fand ich aber die Idee, Peter Gauweiler sei „der Kanzler der Stunde“. Ist das ernst gemeint?
Schönbohm: Nein. Baring will damit deutlich machen, dass Gauweiler besondere Ausstrahlung hat und kantig ist, aber als Kanzler wird er ihn nicht ernsthaft vorschlagen. Schließlich sagt er ja auch, dass Frau Merkel auch ordentliche Politik betreibt.

C & W: Kritik ist immer gut, aber eigentlich können wir kaum klagen: Die
Renten steigen, die Arbeitslosenzahlen sinken, der Euro scheint vorerst sicher.
Schönbohm: Uns vieren geht es nicht so sehr um die materiellen Dinge. Es geht um die Gewichtung im gesamten Politikansatz: die Bedeutung der Familie, Arbeit muss sich lohnen, wie sieht es aus mit der Sozialumsorgung und der Eigenständigkeit? Darüber muss noch mal diskutiert werden. Frau Merkel hat gesagt: „Neue Zeiten verlangen neue Methoden.“ Aber sie verlangen keine neuen Werte.

C & W: Sie fordern eine „Rückbesinnung auf die Nation als Schicksalsgemeinschaft“. Meine älteste Tochter ist 21. Wenn ich der das vorlese, lacht die nur!
Schönbohm: Das mag sein. Die Deutschen lachen mehr als andere darüber. Wir haben doch sehr viel erreicht in Deutschland. Nach der deutschen Einheit haben die Deutschen zum ersten Mal das Glück gehabt, in einer Nation wiedervereinigt zu sein. Für die Jungen heute stellt sich die Frage Ost-West sowieso nicht mehr. Die Frage nach Deutschland auch nicht – außer, wenn sie im Ausland sind.

C & W: Das ist doch schön. Wo ist das Problem?
Schönbohm: Wir machen einen Fehler, wenn wir im zusammenwachsenden Europa unsere nationalen Interessen nicht definieren. Das Thema Integration etwa war in Deutschland lange heftigst umstritten. Die Grünen wollten überhaupt keine Integration. Dann haben wir uns darauf verständigt, dass wir eine Integration haben, die sich an dem orientiert, was hier wichtig ist: Sprache, Kultur, Grundgesetz und so weiter. Diese Besinnung auf die deutsche Nation ist schon richtig. Wenn Soldaten, die einen Eid auf die Bundesrepublik Deutschland geleistet haben, auf einen Einsatz geschickt werden, dann tun sie das für ihr Land, für ihr Volk. Zusammen mit anderen, die zu ihrer Wertegemeinschaft zählen in der Europäischen Union.

C & W: Braucht es dafür ein Mehr an Nationalbewusstsein?
Schönbohm: Die Besinnung auf die Nation ist in Europa wichtig – nicht gegen die anderen natürlich. Die Franzosen achten auch auf ihre Interessen. Nationale Interessen hängen ab von der geografischen Lage, von der Geschichte, von der Wirtschaft. Darum geht es.

C & W: Die deutsche Einheit stand doch von Beginn an im Zeichen der
europäischen Einigung. Sind denn Kohl, Genscher und Delors Dummköpfe?
Schönbohm: Nein! Ich bin zu einer Zeit groß geworden, als an der deutsch-niederländischen Grenze noch Kaffee und Zigaretten geschmuggelt wurden. Ich war 1955, mit 18 Jahren, in Großbritannien, da musste man bei der Einreise noch belegen, wie viel Geld man hatte. Ich finde es großartig, wie sich dieses Europa entwickelt hat. Aber Europa besteht nicht aus der Selbstvergessenheit der Nationen, sondern aus ihrer Gemeinsamkeit.

C & W: Und wir Deutschen?
Schönbohm: Wir neigen zur Selbstvergessenheit. Für Polen oder Balten ist es selbstverständlich, dass sie zu ihrer Nation stehen. Als Deutschland wiedervereinigt wurde, haben die Länder, die wir damals angegriffen hatten, zugestimmt. Diesem Vertrauensbeweis müssen wir nachkommen, indem wir in Europa bestimmte Aufgaben wahrnehmen.

C & W: Durch mehr Nationalismus?
Schönbohm: Mir sagte vor einiger Zeit ein tschechischer Minister: „Herr Schönbohm, wir hatten immer Angst, Deutschland könne zu stark werden. Heute fürchten wir, dass Deutschland sich zu schwach macht.“ Deutschland muss seinen Aufgaben als größtes Land des westlichen Europa gerecht werden, darum geht es.

C & W: Durch die Rückkehr zur D-Mark oder durch die Einführung eines Nord-Euro? Die Vorschläge Ihrer Mitstreiter klingen bisweilen recht naiv.
Schönbohm: Der Ansatz wäre grundfalsch. Wer sollte den schon ernsthaft vertreten?

C & W: Kohl wird in Ihrem Buch zum „Totengräber der D-Mark“, Merkel zur „Totengräberin des Euro“. Wäre doch toll für die Eurofeinde unter Ihnen, oder?
Schönbohm: Nein. Es ist doch klar, dass es zwischen der deutschen Einheit und dem Euro einen Zusammenhang gibt. Der Geburtsfehler war, dass die Wirtschafts- und Fiskalpolitik erst jetzt, lange nach Einführung des Euro, teilweise harmonisiert wird. Ich habe die Sorge, dass die Diskussion um den Euro und dessen Risiken uns von Europa entfremdet. Europa ist die große Hoffnung auf Gemeinsamkeit. Aber ziehen uns die anderen, die nicht sparen können, runter? Europa ist mehr als der Euro. Frau Merkels Äußerung, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert, geht sehr weit. Europa würde auch ohne den Euro weiterleben.

C & W: „Amerika ist eine Idee, Deutschland hat eine Funktion“, schreiben Sie. Wären Sie lieber Amerikaner?
Schönbohm: Nein. Ich glaube, auch wir sind auf dem Weg, selbstbewusster zu werden. Ich habe das gesagt, weil mich in den USA immer die Idee „E pluribus unum“, „Aus vielen eines“, fasziniert hat. Der amerikanische Gründungsmythos, jeder ist ein freier Mensch, jeder kann etwas aus sich machen, hat sich erhalten, weitgehend zumindest.

C & W: Ein ziemlich mythischer Mythos.
Schönbohm: Ja, die Realität passt nicht immer zu den Vorstellungen.

C & W: „Früher“, so meinen Sie, „stand die CDU für Freiheit, nicht
für Gleichheit.“ Wählen Sie nun die Partei Röslers?
Schönbohm: Ich habe an der Diskussion für das Buch teilgenommen, weil ich überzeugter Christdemokrat bin. Die CDU ist eine Volkspartei, die darum ringen muss, die Breite, die sie stets gehabt hat, zu behalten. Meine Sorge ist, dass wir in der Union Freiheit immer mehr durch Vorschriften ersetzen. Ich will hier nicht vom Antidiskriminierungsgesetz oder von der Gesundheitsreform oder von dem leidigen Thema Kinderbetreuung sprechen. Auch die Frauenquote sollte keine Sache des Staates sein. Die starken Frauen setzen sich schon durch.

C & W: Wie Angela Merkel?
Schönbohm: Die Durchsetzungsfähigen setzen sich durch. Ich habe insgesamt das Gefühl, dass der Wille nach Reglementierung in allen Bereichen immer stärker wird. Der Gedanke der Freiheit und Eigenverantwortung wird immer mehr überwölbt von dem Willen, dem Menschen vorzuschreiben, nach welchem Bild er sich entwickeln soll. Das ist nicht Aufgabe der Politik.

C & W: Sie haben gesagt, Deutschland „is fading away“, Deutschland schwinde dahin. Sind Sie zum politischen Melancholiker geworden?Schönbohm: Nein. Ich dachte bei diesen Worten an General Douglas MacArthur. Der sagte: „Old soldiers never die, they just fade away.“ Wenn ich an meine Kinder und Enkelkinder denke und sehe, was sie und ihre Altersgenossen leisten, dann wird mir nicht bange. Ich habe aber Sorge, dass die abnehmende Geburtenrate mit all den Folgen für die Demografie und die Sozialsysteme unsere nachwachsende Generation an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit führt.

Das Gespräch führte Hans-Joachim Neubauer.

Arnulf Baring, Josef Kraus, Mechthild Löhr, Jörg Schönbohm: Schluss mit dem Ausverkauf! Landt Verlag, Berlin 2011. 128 Seiten, 8,50 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 45/2011
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Kultur, Familie, Innenpolitik, Ethik, Wirtschaft