Pfarramt
Wir sind Präsident
Aus: Ausgabe 09/2012
Joachim Gauck wechselte von der Kanzel in die politische Wirklichkeit. Nicht immer geht die Einmischung von Pfarrern in die Politik gut. Ein paar Warnhinweise von Pastor zu Pastor

Evangelische Pfarrer retten die Politik – das tut der deutschen Seele mit ihrem protestantischen Glutkern gut. Und die Politik rettet evangelische Pfarrer. Pastoren, die gern als Weltretter engagieren, fühlen sich bestätigt: Wir sind Präsident. Wir wussten immer, dass wir unverzichtbar sind. Doch ab und zu muss es jemand sagen. Die Wahl des früheren Kollegen Joachim Gauck zum Bundespräsidenten stärkt protestantisches Selbstbewusstsein. Politik wird zum Rostumwandler am korrodierenden deutschen Pfarrerbild. Wenn aber Pfarrer von der Kanzel ins wirkliche Leben wechseln, droht manche Versuchung. Daher kommen hier ein paar Ratschläge, ungefragt.
Der Selbstzweifel nagt am Selbstbild. Die Demoskopie schickt sich an, ein Zielfernrohr des Pfarrerauftrags erblinden zu lassen: die Dreieinigkeit von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung. Und der Schwund des Kirchlichen setzt das Bild des Pfarrers einer Rüttelpiste aus, die kein Ende absehen lässt. Pfarrer und Pfarrerinnen gehören in ihre Gemeinde, sagen die Leute seit einigen Jahren in Umfragen. Von der Kirche erwarten sie Seelentrost und Daseinsdeutung, aber keine Politik. Pfarrer im Bundestag machen sie misstrauisch. Die katholische Kirche kommt dem entgegen. Sie spricht über sich selbst, über Missbrauch, Latein im Gottesdienst und die Kompetenz von Bischöfen. Sie inszeniert Papstbesuche. Die evangelischen Antworten darauf sind Jürgen Fliege, Margot Käßmann und Wolfgang Huber. Und jetzt Joachim Gauck.
Jürgen Fliege hat viel von der katholischen Kirche gelernt, von der er nicht viel hält. Essenz statt Existenz, ordnende Informationen für die Seele in ampullenkleinen Sprühflaschen. Neununddreißig neunzig plus Versandkosten. Dreimal täglich drei Sprühstöße vor dem Essen. Danach jeweils bitte „Glaube“, „Liebe“ und „Zuversicht“ sprechen. Wir fühlen uns gut. Hätte die Hamburger Sektenexpertin Ursula Caberta den Flaschengeist nicht entzaubert, er böte uns das Neue Testament auf Keksen zum Essen an. Oder als Fluid zum Inhalieren. Abzüglich der Geschichte vom Tod Jesu am Kreuz. Denn die riecht ganz übel. „Ich möchte nicht, dass irgendein Lebewesen dieser Welt für meinen Scheiß geradestehen muss“, schrie er ins Mikrofon, als der Evangelische Kirchentag ihn als Publikumsmagnet einsetzte. Beim Kirchentag im vergangenen Jahr, kurz bevor seine Kirche ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnete, soll er schon auf der Liste der verbotenen Redner gestanden haben. Fliege ist zudem nicht politikfähig. Niemand nannte ihn, als ganz Berlin nach einem neuen Präsidenten suchte. Pfarrer sollen Menschenfischer sein, sagt die Bibel. Fliegenfischen hat sich nicht bewährt.
Margot Käßmann dagegen erfüllt das P-Kriterium. Es ist konstitutiv für evangelische Pfarrer. Mit ihrem Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ hatte die Bischöfin der Herzen eine zweite Front aufgemacht. Der damals adlige Verteidigungsminister lud sie ein ums andere Mal zum Besuch. Ihre eigene Kirche stand in heller Aufregung. Sie hatte den Friedensbeauftragten und den Militärbischof übergangen. Niemand kann evangelischen Pfarrern Weisung erteilen. Sie müssen keine Mehrheiten suchen. Nach ihrem Rücktritt war kein Halten mehr. Margot Käßmann konnte über alles reden. Immer begeisterte sie ein riesiges Publikum. Beinahe hätte sie sich verströmt. Über den Segen der Pille oder Lust und Last der mittleren Jahre. Dann entschied sie sich: Sie will bei der Kirche bleiben, erklärte sie im vergangenen Jahr, als Rot und Grün sie für die Parteiarbeit gewinnen wollten. Im April wird sie Luther-Botschafterin. Das ist richtig. Wahlwerbung mit Genossin Käßmann? Undenkbar.
Wolfgang Huber kann fast alles. Vor allem kann er zwischen Politik und Theologie unterscheiden. Er ist nur manchen ein bisschen zu klug. Wenn er Gegenargumente zerlegt, fühlen sie sich mitunter wie dumme Jungs. Beinahe wäre er für die SPD in den Bundestag eingezogen. Dann wollte ihn die Hauptstadtkirche als Bischof, später, fast zu spät, die gesamte evangelische Kirche als Ratsvorsitzenden. Beides ist er geworden. Er sitzt für die Protestanten im Nationalen Ethikrat. Huber hat von Dietrich Bonhoeffer gelernt. Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen. Das Wirkliche ist, dass die Kirchen in einer Generation ein Drittel Mitglieder und die Hälfte der Finanzkraft verlieren werden (siehe Seite 2). Deshalb verordnete er seiner Kirche eine Reform. Noch überlegen viele Pfarrer, ob sie sich gut anfühlt. Das ist ihm fremd. Die evangelische Kirche, sagt Huber, ist die Kirche der Freiheit.
Gelingt die Reform, hat die evangelische Kirche in fünf Jahren vielleicht auch ihr Pfarrerbild wieder gefestigt. Dann steht ein Jubiläum an. Die Reformation, die Deutschland prägte, wird 500 Jahre alt. Die Politik feiert mit. Es könnte zu den letzten Amtshandlungen des ehemaligen Pfarrers Joachim Gauck gehören, das Fest zu eröffnen. Wenn es gut läuft, hat er dann von allen etwas: von Fliege, wie man gute Gefühle verbreitet, von Huber, wie man Reformbedarf sieht, und von Käßmann, wie man Herz zeigt, ohne sich zu verströmen.
Wolfgang Thielmann ist evangelischer Pastor und Redakteur von Christ & Welt.





