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Ihr Motiv: Johanna Quaas

Wir sehen uns in Schnepfenthal

Aus: Ausgabe 48/2012

Diese Frau ist 87 und Wettkampfturnerin. Warum tut sie sich das an? Warum schauen wir hin? Sieht so der Jugendwahn aus?

Uwe Köhn/Imago

Johanna Quaas ist eine Traumfrau: hochbetagt und körperlich wie geistig fit. Ihre Oberarme wirken so straff wie die von Madonna, ganz ohne Personal Trainer aus Hollywood. Pflegestufe drei? Kein Thema. Die Seniorin reüssiert am stufenlosen Barren. Das neue Guinness-Buch der Rekorde führt die Dame aus Halle als älteste Wettkampfturnerin der Welt. Sie machte Handstände, Radschläge und Winkelstütze über zwei Diktaturen hinweg. 1934, als Neunjährige, stellte sich Johanna Quaas erstmals einer Turnkonkurrenz, mit 87 ist sie noch immer dabei. Das Video ihrer Barrenübung wurde mehr als eine Million Mal angeklickt. „Diese Lady ist grandios! So macht Altwerden Spaß!“, jubeln Youtube-Kommentatoren. Die Turngroßmutter ist gern Vorbild. Sie spricht in viele Mikrofone, fröhlich kündigt sie ihre nächsten Starts an. Wir sehen uns wieder in Freyburg, Cottbus und Schnepfenthal. Rolle vorwärts, nicht zurück.

Warum sehen wir hin? Bald, wenn zum Jahresende Umfragen zu den Ängsten der Deutschen erscheinen, werden die Punkte Alter, Krankheit und Hilfsbedürftigkeit wieder oben stehen. Bloß keinem zur Last fallen! Immer schön geschmeidig bleiben! Sich nicht gehen lassen, sondern mindestens walken! Wenn wir alle so stark wären wie die im rechten und linken Sozialismus trainierte Turnerin, dann blieben dem Land viele sozialpolitische Klimmzüge erspart. Sind wir so willens- und muskelstark? Es soll Leute geben, denen das Altwerden mehr Spaß machen würde, wenn sie mit 87 im Ohrensessel sitzen dürften. Unbehelligt von Gehirn- oder Sonstwie-Jogging-Geräten.

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Tod