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Haltung, bitte!

Wie geht es Ihnen?

Aus: Ausgabe 26/2012

„Ich hörte von anderen Mietern, dass eine Nachbarin schwer an Krebs erkrankt ist. Genau weiß es aber niemand. Da sie allein lebt, frage ich mich, ob ich sie darauf ansprechen soll? Sie lässt sich mir gegenüber nichts anmerken, wenn ich ihr im Flur begegne.“ Mechthild P., Düsseldorf

Mietshäuser sind seltsame Orte. Einerseits leben Menschen Tür an Tür und Bett an Bett. Küchengerüche verraten kulinarische Vorlieben, nächtliche Besuche lassen auf das Liebesleben schließen, Lachen und Schreien auf den Zustand der nachbarlichen Ehe- oder Kindererziehungsverhältnisse. Sogar die nächtliche Klospülung sagt etwas über die Lebensgewohnheiten von Menschen, die sich unter Umständen nur alle paar Wochen am Altpapiercontainer treffen. Mietshäuser sind heikle Räume von Nähe und Distanz. Viel hängt bei der Beantwortung Ihrer Frage davon ob, wie eng Ihr Verhältnis zur Nachbarin ist. Leihen Sie sich wechselseitig Eier, Kellerschlüssel oder Bohrmaschinen? Oder bleibt der Kontakt auf ein freundliches „Guten Morgen“ im Hausflur beschränkt? Vermutlich würden Sie nicht an der Wohnungstür klingeln und die Nachbarin fragen: „Sind Sie krank?“ Ihre Frage lässt aber den Schluss zu, dass nicht nur Neugier oder Tratsch, sondern echte Sorge der Anlass Ihrer Frage ist.

Warum nehmen Sie sich nicht bei der nächsten zufälligen Begegnung ein paar Minuten mehr Zeit, um nach dem Gruß noch ein ernst gemeintes „Wie geht es Ihnen denn? Ich habe Sie ja lange nicht mehr gesehen“ hinterherzuschieben? Sehen Sie Ihrem Gegenüber dann in die Augen, nicht mit prüfendem Blick, ob das Gesicht etwa Spuren der Krankheit verrate, sondern mit dem aufmunternden Blick eines Menschen, der auch Zeit hätte zuzuhören, wenn die Antwort „Nicht so gut“ wäre. Das gibt Ihrer Nachbarin die Freiheit, mit ihrer Lebenssituation in Deckung zu bleiben, wenn sie sich Ihnen nicht offenbaren möchte – oder wenn an dem Gerücht gar nichts dran ist.

Krankheit ist etwas Intimes. Manchmal braucht es viel Zeit, bis davon Betroffene überhaupt darüber reden wollen. Vielleicht will Ihre Nachbarin schlicht nicht auf ihr Kranksein reduziert werden und ist ganz froh, einfach nur die Nachbarin aus der dritten Etage zu bleiben, deren Privatleben nur die etwas angeht, denen sie es öffnet. Bleiben Sie aufmerksam. Dann registrieren Sie auch, wenn es Ihrer Nachbarin nicht gut geht, und können ihr Ihre Hilfe anbieten.

Erschienen in:
Ausgabe 26/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Ethik, Tod, Lebensstil