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Gegenrede

Wider die alten Mythen

Aus: Ausgabe 28/2012

Lasst mich mit eurem Glauben in Ruhe, fordert Arik Platzek. Es ist das gute Recht der Atheisten sich auch vor Gericht gegen Religion im öffentlichen Raum zu wehren

Foto: Evelin Frerk

Ein Samstag am Sommerbeginn in Deutschland: Im Gewimmel aufgeregter Schlagzeilen aus aller Welt, die auf den Blättern vor mir prangen, finden sich zwischen Nachrichten zur Fußball-EM, zur europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise oder Warnungen zum Klimawandel und vor künftigen Kriegen um natürliche Rohstoffe besonders erschreckende Botschaften. Da gibt es gewalttätige Ausschreitungen zwischen christlichen Rechtspopulisten und radikalen Muslimen. Ich blättere weiter. Bundespräsident und Bundesminister streiten immer noch vor der Öffentlichkeit darüber, ob „der Islam“ oder „die Muslime“ zum Land gehören. Eine Melodie erklingt. Ich lege das Papier zur Seite und nehme mein Pad zur Hand, um die neuen E-Mails zu sichten. Ein Google-Alert. „Das europäische Abendland steht ganz klar auch auf muslimisch-morgenländischen Beinen. Wer das leugnet, betreibt Geschichtsfälschung“, wird jemand in einem Onlineartikel zitiert.

Ich klicke weiter. Dann stoße ich auf ein Interview. Ein Georg-Büchner-Preisträger nennt die Konfessionsfreien „reduzierte Existenzen“, die in ihrer „Vollausbildung als Menschen“ beeinträchtigt seien. „In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind.“ Der Protestantismus sei schuld, meint er weiter. Und spricht sich kurz darauf für die stärkere Anwendung der „Blasphemie“-Gesetze aus.

Während ich lese, meldet mein E-Mail-Programm noch eine Nachricht. Jemand hat mir einen Link zu einem Youtube-Clip geschickt. Ich rufe das Video auf und sehe den Militärbischof Franz-Josef Overbeck. Er hält eine Rede zur Soldatenwallfahrt in Lourdes. Der Bischof erklärte vor ranghohen Offizieren: „Ohne Religion und ohne gelebte Praxis von Religion gibt es kein Menschsein.“

Genug davon. Ich lege das Pad weg und schalte den Fernseher ein. Eine ARD-Talkshow läuft. Es wird über die Schrift eines anderen Katholiken debattiert. Adolf Hitler. Es geht hoch her in der Runde aus prominenten Persönlichkeiten. Heikle Themen stehen im Raum: Antisemitismus, Nationalsozialismus, Rassenwahn. Ein CSU-Politiker verteidigt mit Furor die Rede eines früheren Bundestagsabgeordneten, der auf das „wahre Tätervolk“ des letzten Jahrhunderts aufmerksam machen wollte. „Es geht nicht darum, dass es Juden waren, sondern es geht darum, dass es gottlose Menschen waren“, ruft der CSU-Politiker aufgebracht vor Publikum. Es reicht. Also lasse ich die Zeitungen, das Internet und die Talkshow hinter mir und mache mich auf den Weg ins Grüne. Dabei kreuze ich die Stadtmitte. Die Menschen schlendern an Geschäften und Verkaufsständen vorbei, die Eiscafés sind gut besucht. Die Sonne scheint.

Ich setze mich auf eine Bank am Marktplatz und beobachte die friedliche Szenerie. Ein älterer Herr kommt näher, spricht mich an. Ob ich auch das Wort Gottes kennenlernen möchte, fragt er mich. Ich strecke lächelnd die Hand aus. Er gibt mir ein Büchlein. Es ist eine Jugendbibel, dem Titel nach. Poppige, professionelle Aufmachung. Ich blättere darin. In der Mitte das Neue Testament der Christen, davor und danach religiöse Testimonials junger Christen. Tenor: Ein Gott habe ihnen geholfen, die Lebenskrisen und Probleme zu meistern.

Mein Handy summt. Eine SMS weist mich darauf hin, dass es am Bundestag wieder eine Demonstration für ein totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen geben soll. Christliche Fundamentalisten wollen das Mittelalter zurück, heißt es. Sogar die Bahn sei als Kooperationspartner dabei. Man müsse da was unternehmen.

Ich stecke das Handy weg, schaue in den blauen Himmel und bedauere, dass sich tagsüber die Dimensionen des Universums nicht so gut in Erinnerung rufen lassen wie nach Sonnenuntergang. Ich lasse meine Eindrücke an mir vorüberziehen und frage mich: Brauchen wir das hier wirklich, diese alten Religionen?

Offene Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Angehörigen mit den Verheißungen falscher Propheten und ihren Irrtümern in rationaler Weise aufräumen können. Obschon der Philosoph Karl Popper, wie er in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ klarstellte, kein Gegner des religiösen Mystizismus war, zeigte er sich mit Blick auf die humanitäre Haltung der Menschen untereinander überzeugt, „dass jene Menschen, die den Glauben an die Vernunft untergraben, dieses Ziel kaum fördern werden“.

Und ob Gott oder Allah, Trinität oder Tauhid: Immer mehr Menschen in Deutschland zeigt ihre Vernunft, dass die Bilder der alten Religionen nicht mehr als Mythen sind, ihre Forderungen und Verheißungen sind religiöse Kultur gewordene Moral und Phantasie – Produkte menschlicher Evolution. Der Verstand der Menschen muss sich heute nicht mal mehr in die Flughöhen der früheren philosophischen Kirchen- und Religionskritik begeben, um mit Propheten und ihren Irrtümern aufräumen zu können. Ein nüchterner und aufgeschlossener Blick auf durch viele wissenschaftliche Disziplinen fundierte Fakten genügt meist.

Unter anderem daher kommt es, dass nach dem Rückgang des Einflusses dogmatisch fixierter Glaubenssätze heute jede und jeder ständig am eigenen Weltbild bastelt, dass Traditionen und die familiären Zusammenhänge locker und brüchig werden. Die Kirchen wehren sich mit aller Kraft gegen den Abrieb ihrer früheren Bedeutung für die Gesellschaft. Nicht nur Kruzifixe in Schulen oder Gerichtsgebäuden sollen so der Bevölkerung signalisieren, wer immer noch das Sagen haben will. Beschworen wird lauthals eine christliche Leitkultur. Personen mit gesellschaftlichem Ansehen versuchen, gegen Atheisten oder Andersgläubige Stimmung zu machen. Angstszenarien werden aufgebaut. Die so erzeugte Furcht unter den Anhängern in den eigenen Reihen kann man nutzen, um gegen Säkularisierung und Pluralisierung zu mobilisieren, um Einfluss oder gewohnte Machtverhältnisse zu sichern.

Dagegen regt sich Widerstand, auch vor Gerichten. Unverständnis wird hörbar gemacht, wenn insbesondere der katholische Klerus die Deutungshoheit über gesetzliche Feiertage oder sogar Werbeslogans beansprucht. Widerwillen entsteht bei Eltern, deren Kinder sich nur zwischen zwei „Übeln“ zur ethischen Bildung an Schulen entscheiden sollen: dem einen oder anderen Religionsunterricht. Entsetzen wächst bei Wissenschaftlern und anderen Beobachtern, welche das Wissen um die Evolution durch religiösen Lobbyismus unterminiert sehen. Hass entsteht bei Ungläubigen, die der Diffamierung durch vom Steuerzahler bezahlte Amtsträger ausgesetzt sind. Laizisten erschrecken, weil deutsche Staatsoberhäupter unverhohlen für ihre Religion werben. Die Empörung darüber, wie die Kirchen im Arbeitsmarkt regieren, wird mächtiger.

Wut schreit weiter über die ungesühnte Vertuschung priesterlichen Missbrauchs. Die Argumente zur fundierten Kritik kommen aus den Kirchen selbst, wie Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie und Ethik in München, in seiner Schrift „Kirchendämmerung: Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen“ oder Initiativen aus dem katholischen Kirchenvolk zeigen. Die Sorge, dass in absurden Streits mächtiger rivalisierender Monotheismen die Ressourcen zur Lösung größerer Probleme verbrannt werden, wird größer.

Auch Minderheitenkonfessionen geraten in den Strudel des erbitterten Streits beim Versuch, unplausibel gewordene Traditionen im säkularen Rechtsstaat zu erhalten, wie das sogenannte Beschneidungsurteil des Landgerichts Köln kürzlich illustrierte. Atheisten und säkulare Menschenrechtler sprechen von archaischen Bräuchen und inakzeptablen Eingriffen in das Selbstbestimmungsrecht von Kindern, Vertreter der Konfessionen beschwören die Glaubensfreiheit und ein Selbstbestimmungsrecht der Religion. Moderierende Plädoyers, für ein Nachdenken über Reformen der Glaubenspraxis, treffen kaum auf Gehör.

Irgendwann findet sich der Aufstand gegen die individuell ausgemachte Unvernunft auch auf der Straße wieder, mitten in Berlin. Neben Schulnotenbekämpfern und Salafisten, zwischen Kapitalismuskritikern und Veganern. Doch ist das ein Problem, in einer offenen und pluralen Gesellschaft, wenn es friedlich bleibt?

Zu behaupten, „durch die Wiedervereinigung ist auch der in zwei Diktaturen herangereifte und von oben verordnete Antiklerikalismus mehrheitsfähiger geworden“, verengt jedenfalls tatsächliche Prozesse einseitig und ist unredlich. Es ist wohl wahr, dass eine nur oberflächliche Christianisierung in den norddeutschen Regionen, ein Primat materialistischer Weltanschauungen in der DDR und die Entwicklung nichtreligiöser Lebenskulturen die Säkularisation in den neuen Bundesländern ebenso gefördert haben, wie das Primat der christlichen Amtskirchen und religiöser Weltanschauungen sowie die Einwanderung in den alten Ländern die Säkularisation begrenzt haben.

Klar ist, dass Widerstand gegen die Kirchen und Religionen aus Bedürfnissen, Sorgen und der Empörung von Menschen herrührt, deren Verstand die Zustände nicht mehr bejahen kann. Und diese Gruppen wachsen, ohne dass Nazi-Diktatur und DDR-Sozialismus als Grund herangezogen werden können. Sie wachsen in einzelnen Parteien und vielen Regionen, auch wenn sich dabei selbst evangelische Theologinnen und Theologen einer diskriminierenden Sprache bedienen, wenn sie von denen als „Gottesverächter“ oder „religiösen Analphabeten“ sprechen, welche die Theologie um die Trinitätslehre oder die „Keks-Werdung-Jesu“, die Transsubstantiation, absurd nennen. Die sich für mehr Trennung von Staat und Kirchen einsetzen oder für ihre Lebensübergangsrituale keinen Götterglauben mehr brauchen. Die überzeugt sind, dass der Sinn eines Lebens auf dem winzigen Planeten in einem 80 Milliarden Lichtjahre durchmessenden Weltall nicht adäquat durch Prediger der Monotheismen erklärt oder bestimmt werden kann, noch dass der Staat sie dabei fördern sollte.

Und so hilft es nicht, laizistische, atheistische oder humanistische Gruppen herabzusetzen oder ihre Standpunkte und Argumente verfälscht darzustellen, noch wenn vom Klerus das Reformstreben Gläubiger herabgewürdigt wird, wie durch den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der Kritiker in den eigenen Reihen als „parasitäre Existenzform“ verunglimpfte, oder empörte Kritiken am Buch des Journalisten und „Chrismon“-Chefs Arnd Brummer: „Unter Ketzern. Warum ich evangelisch bin“.

Brauchen wir das hier wirklich, die alten Religionen? Mittlerweile bin ich in Gristow, einem kleinen Dorf in Vorpommern, angekommen. Es ist friedlich und aufgeräumt. Ich steige auf den geöffneten Kirchturm, schaue über die gottlose Landschaft und sage mir: Nicht um jeden Preis. Gewiss bieten die abrahamitischen Religionen Zugänge zur Sinnstiftung, Trost und Inspiration. Gewiss lautet eine Faustregel auch: Never change a running system. Doch läuft es wirklich, oder wiegt man sich in den beschaulicheren Städten als Berlin in trügerischer Ruhe?

Abseits der medienwirksam inszenierten Zuspitzungen zwischen ultrakonservativen Katholiken, evangelikalen Protestanten, atheistischen Aktivisten oder radikalen Laizisten dürfen die Blüten der offenen Gesellschaft jedenfalls nicht übersehen werden, ob in Form eines praktischen Humanismus, eines liberalen und aufgeklärten Christentums oder alevitischen Gemeindelebens.

Hier gibt es positive Alternativen, die ohne die umfassenden Wahrheits- und Geltungsansprüche der Feinde offener Gesellschaften auskommen. Die Bindungen schaffen und bei ihrem Versuch, die humanitäre Haltung zwischen Menschen zu fördern, die Vernunft nicht untergraben müssen. Leider sind sie es, die zu selten zu Wort kommen. Ob in den Medien oder vor Vertretern der Bundesgerichte.

Was ist daher nun falsch daran, dem Gotteswahn und klerikalen Machtmissbrauch in pointierter Weise zu begegnen, um Stimmen der Vernunft, des Mitgefühls und der Humanität mehr Raum zu verschaffen? Und warum sollen die Stimmen der Philosophen und Wissenschaftler säuseln, anstatt ihre Ansichten in aller Deutlichkeit so oft zu wiederholen, bis sie verstanden werden?

Die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, hat wohl recht, wenn sie sagt, dass die eigentliche Herausforderung für die Kirchen eine geistliche ist. Und dass sie nicht durch das Beharren auf alten Beständen zu bewältigen ist. Dass der Angst, Unsicherheit und Überforderung angesichts realer Krisen mit Verheißungen falscher Propheten und ihren Irrtümern begegnet werden kann, glaube ich jedenfalls nicht. Ich bezweifle, dass die Herausforderung darin besteht, einen überlieferten Glauben zu bezeugen. Vielleicht besteht sie eher darin, Brücken zu bauen. Nicht nur zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern vor allem zwischen dem Glauben der Vergangenheit und einem Glauben, der Menschen nicht den Blick auf die Realität verstellt, humane Minima kennt und die Erkenntnisse der Wissenschaften stets produktiv verarbeiten kann.

Julian Huxley, britischer Biologe und Philosoph, formulierte einst im Vorwort zu „Der evolutionäre Humanismus. Zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme“ seine eigene Hoffnung: „Die in nächster Zeit entstehende Religion könnte etwas Gutes sein. Sie wird an das Wissen glauben.“ Das ist jetzt 50 Jahre her und immer noch irren wir uns empor. Die Frage ist, wie. Im polemischen Streit, im Straßenkampf oder im ergebnisoffenen Diskurs und fairen Wettbewerb?

Arik Platzek, 1981 in Ostberlin geboren, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert. Er arbeitet freiberuflich im Bereich Neue Medien, unter anderem für die Giordano-Bruno-Stiftung und den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Zudem betreibt er die Homepage www.wissenrockt.de.

Erschienen in:
Ausgabe 28/2012
Redakteur:
Arik Platzek ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Atheismus, Kirchen, Kultur, Ethik, Lebensstil