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Haltung, bitte!

Werte kosten was

Aus: Ausgabe 23/2013

„Mich treibt um, wie ich einer Arbeitskollegin gegenübertreten soll, die mir eröffnet hat, dass sie aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist, da sie sich die Kirchensteuer sparen will. Im gleichen Gespräch hat sie mir mitgeteilt, dass sie einen Kindergartenplatz für ihre Tochter gefunden hat. Auf meine Frage, wer der Träger des Kindergartens sei, hat sie völlig ungerührt geantwortet: ,Die evangelische Kirche.‘ Ist das nicht unsolidarisch?“ Rudolf Sch., Neustadt

Was wäre das Leben ohne Widersprüche. Manchmal bleiben sie unbemerkt, weil man sich die eigene Welt so zurechtgelegt hat, wie es einem am besten in den Kram passt. In Ihrer Geschichte klingt das nach so einem verdrängten Widerspruch aus Eigennutz. Aus der Kirche auszutreten, um Geld zu sparen, um dann zu hoffen, dass die eigene Tochter in einer kirchlichen Einrichtung die beste Begleitung auf dem Weg ins Leben findet, das mag für Ihre Kollegin gar nicht widersprüchlich sein. Dieses Denken ist ja ziemlich verbreitet.

Die kirchlichen Einrichtungen haben in Bildungsfragen einen guten Ruf. Fragt man Eltern, warum sie ihre Kinder dort hinschicken, kommt die Antwort prompt. „Christliche Werte schaden nicht. Und soziale Kompetenz auch nicht. Das steht zwischenzeitlich in jedem besseren Berufsberaterratgeber. Außerdem wird das Kind dort hoffentlich mit seiner ganzen Persönlichkeit wahrgenommen.“ Dass die sogenannten christlichen Werte einen institutionellen Rahmen brauchen, in dem sie weiter tradiert und immer wieder neu ausgelegt werden, wird dabei leider allzu schnell vergessen.

Diesen Rahmen bieten die Kirchen. Vielleicht zahlt der Staat die Kindergärtnerin und die Räume für den evangelischen Kindergarten, aber der Geist dieser Einrichtungen braucht die Anbindung an lebendige Gemeinden, Erzieher, die das christliche Menschenbild in Fortbildungen konkret werden lassen, die Kirchenmusikerin, die mit zappeligen Dreijährigen singt, und Gottesdienstgemeinden, die sich über eine Horde lärmender Vorschulkinder freuen. Wer die Welt nur aus dem eigenen Nahbereich sieht, vergisst schnell, dass diese Anbindung an ein gelebtes Christentum auch Geld kostet. Sie können Ihre Kollegin sanft mit der Nase auf diesen Widerspruch stoßen. Nasenstüber tun ja nicht weh. Und der jungen Mutter dämmert vielleicht wieder, warum ihre Kirchensteuer auch eine Investition ist, wenn sie sieht, was die Erzieher für eine Arbeit leisten.

Erschienen in:
Ausgabe 23/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch