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Haltung, bitte!

Weit entfernt von Gott

Aus: Ausgabe 49/2013

„Ist die Lüge eines Bischofs eigentlich eine schlimmere Sünde als die von verantwortlichen Politikern, Aufsichtsräten oder Bankern, zum Beispiel bei großen Bauprojekten wie Flughäfen und Opernhäusern? Sind nicht vor Gott alle gleich?“ Dietmar F. G., bei Fulda

Vor Gott sind alle gleich. Es gibt keine Verantwortlichkeitsstufen, keine Schuldigkeitstabellen, keine Bekennerfleißkärtchen und auch keine Entschuldigungspunkte. Wir sind Sünder. Wenn in der Bibel von Sünde die Rede ist, geht es aber erst mal nicht ums Lügen, Betrügen, Stehlen oder Ehebrechen. Auch unsere Sprache legt das nahe – wir reden von Steuersündern, Verkehrssündern und ähnlichen Alltagsschurken – Sünde hat theologisch keinen moralischen Beigeschmack. „Sünde“ ist das Wort für die Art des Menschen, sich von Gott zu entfernen. Die Folgen hat Martin Luther in einem schönen Bild beschrieben: Wir sind alle „in uns selbst verkrümmt“. Das gilt für die feinsten Christenmenschen.

Kommt die Moral ins Spiel, kann man durchaus bewerten. Was stört die Gemeinschaft mehr? Wo gerät das gute Leben aus dem Gleichgewicht? Da wiegt eine Lüge für einen Bischof schwerer, weil die Gläubigen von ihm mehr Wahrhaftigkeit erwarten als von Politikern. Damit ist deren Betrügerei natürlich nicht entschuldigt. Wenn nun noch die rechtliche Bewertung dazukommt, wird es noch komplizierter.

Da gibt es nämlich durchaus Abstufungen zwischen absichtlichem Betrug, fahrlässigem Verschweigen oder systematischem Vertuschen von Informationen, miserabler Bauplanung oder – wie jüngst im Falle eines Bischofs – gar dem Vorwurf des Meineids. Im Eid versteckt sich eine religiöse Dimension – der Schwur auf den Namen Gottes. Sich bei einer Lüge auf Gott zu berufen zerstört bei einem Bischof mehr Vertrauen als bei einem Politiker oder einem Banker. Politiker sind von den Bürgern auf Zeit gewählt und können abgewählt werden. Zumindest für katholische Gläubige gibt es aber keine Wahlurne.

Die Weihe gilt. Deshalb ist der Glaubwürdigkeitsverlust für viele umso verheerender. Es lohnt sich deshalb, die Unterscheidung von Person
und Amt mit einzubeziehen. Vor Gott sind alle Personen gleich. Allen gilt Gottes Gnade, so unfassbar das manchmal auch sein mag. Alle verdienen unsere Vergebung. Es sind aber nicht alle Ämter gleich.


Erschienen in:
Ausgabe 49/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik