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Haltung, bitte!

Weiß mit Spitze

Aus: Ausgabe 12/2014

„Ich heirate im Juni meinen langjährigen Freund. Wir sind Eltern einer kleinen Tochter. Deshalb komme ich mir in einem weißen Brautkleid dämlich vor. In meiner Familie ist es aber Tradition, dass die Töchter im wunderschönen Spitzenbrautkleid der Großmutter heiraten. Meine Mutter bekam einen Tränenanfall, weil ich ihr von einem hellblauen Hosenanzug vorschwärmte. Soll ich wegen eines so blöden Details einen Familienstreit riskieren?“ Freya S., bei Hamburg

Weiß ist nicht nur die Farbe der Unschuld. Sie ist auch die Farbe der Projektionsflächen. Leinwände sind weiß, damit Bilder besser wirken. Auch die Bilder von der idealen Hochzeit. Es ist die stereotype letzte Filmsequenz in Hollywood-Romanzen: Nach vielen Turbulenzen sieht man die Heldin in ihrem weißen Kleid, wie sie mit feuchten Augen durch den Mittelgang schreitet. Für Ihre Mutter ist das weiße Spitzenkleid wie eine Leinwand für ihren eigenen Lieblingsfilm. Ihre Töchter in alter Spitze am Altar. Nur sagen Sie es ja selber: Sie wollen keine Projektionsfläche für die Hochzeitsträume anderer sein. Mag sein, dass die Farbe Weiß ihre Symbolkraft längst verloren hat. Es lassen sich ja auch gestandene Frauen von ihren alten Vätern an den Altar führen, als würden sie direkt aus dem Vaterhaus in den Haushalt der anderen Familie übergeben. Die Macht dieser rituellen Bedeutungen ist verblasst. Doch wenn Sie das Spitzengewand um des lieben Friedens willen überziehen, ziehen Sie auch die fremden Erwartungen an. Deshalb geht es am Ende um mehr als um ein paar Meter Tüll und belgische Kunstfertigkeit. Feiern Sie Ihre Hochzeit! Sie muss zu Ihnen passen. Zuerst für Sie selbst und den Mann, mit dem Sie den Bund fürs Leben eingehen wollen. Dann für die kleine Tochter, die bei der Hochzeit der eigenen Eltern dabei ist. Wenn es der hellblaue Hosenanzug ist, dann ziehen Sie ihn an! Mit diesem Festgewand können Sie Ihr Mädchen ohne Not auch mal auf den Arm nehmen, ohne dass gleich allen älteren Damen in der Kirche der Atem stockt. Vielleicht überzeugt das Argument ja auch Ihre Mutter. PS: Der tränenreiche Streit ums Brautkleid gehört übrigens auch zu den Hollywood-Schmachtfetzen. Am Schluss gewinnt immer die Tochter, und die Mutter ist trotzdem glücklich. Vielleicht machen Sie sich mit Ihrer Mutter einen schönen Filmabend.

Erschienen in:
Ausgabe 12/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch