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Haltung, bitte!

Weihnachtswunder!

Aus: Ausgabe 50/2012

„Mein Neffe, der Sohn meiner Schwester, hat nur Leid über unsere Familie gebracht und ihr das Herz gebrochen. Er hat die Schule geschmissen und Drogen genommen – ein Lügner, der jede Chance zum Neuanfang ruiniert hat. Zwei Jahre gab es keinen Kontakt. Nun will meine Schwester ihn und seine hochschwangere Freundin wieder in ihrem Haus aufnehmen, bis das Kind geboren ist. Ich habe Sorge, dass sie sich damit überfordert und wieder ihren mühsam zurückgewonnenen Lebensmut verliert. Kann ich ihr das ausreden?“ Grete V., Berlin

Jeder Mensch verdient eine zweite Chance, heißt es so schön im Volksmund. Das klingt großzügig, doch dann wird eifrig mitgezählt. Bei der dritten Chance ist Schluss, spätestens bei dem vierten verpassten Neuanfang, der vielversprechend begann und im neuerlichen Desaster endete. Mutterliebe rechnet anders. Mag sein, dass diese Liebe sich zwischendurch erschöpft hat. Vermutlich war es für Sie und die Familie gut, Distanz zu dem Menschen aufzubauen, der Zuwendung mit Schmerz und Wut beantwortete. Vielleicht war es sogar gut für Ihren Neffen, alleine klarkommen zu müssen. Aber wollen Sie Ihrer Schwester ernsthaft empfehlen, ihr Kind dauerhaft zu verstoßen? Ich gehe mal davon aus, dass Sie sich aus Sorge und nicht aus Zorn über den missratenen Neffen dazu hinreißen lassen, der Sie beklaut und hintergangen hat. Verständlich, dass Sie nicht so leicht verzeihen können. Aber ist Ihnen die weihnachtliche Pointe Ihrer Familiengeschichte wirklich entgangen, die nicht aus Spekulatius, Barockmusik und heilen Familien besteht? Ihre Geschichte kommt dem Original nahe. Die Freundin Ihres Neffen bekommt ein Kind. Offenbar wissen die beiden nicht, wohin. Ihr Neffe wendet sich in dieser Situation an seine Familie. Weil er hofft, dass er die, die ihn lieben, nicht für immer verloren hat. Das hat ihn wenigstens ein wenig Stolz gekostet. Vielleicht ist es ihm diesmal mit dem Neuanfang ernst. Denn nun wird Ihre Schwester Großmutter. Wie könnte sie da nicht wollen, dass es der werdenden Mutter gut geht. Sie schreiben nichts darüber, in welcher Verfassung Ihr Neffe heute ist. Aber um das Kind, das da heranwächst, scheint er sich kümmern zu wollen. Wenn Sie Ihre Schwester vor seelischen und körperlichen Strapazen schützen wollen, dann helfen Sie ihr! Stehen Sie ihr zur Seite. Suchen Sie professionelle Hilfe. Vielleicht werden Sie an diesem Weihnachtsfest ein echtes Wunder erleben.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch