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Festtage

„Weihnachten ist wie Ramadan – bloß in Grün“

Aus: Ausgabe 51/2011

Für Muslime ist der Heilige Abend zwar nicht heilig, aber viele feiern trotzdem mit. Die Kinder wünschen sich Geschenke und mimen die Engel im Krippenspiel. Das ist manchem zu viel der Integration.

Weiße Weihnacht: Drei Mädchen bereiten sich aufs interkulturelle Krippenspiel der St.-Simeon-Kirche in Berlin-Kreuzberg vor. Die Engelskostüme mögen die Kinder besonders gern, auch wenn sie die Botschaft der Himmelswesen nicht so ganz verstehen. Neunzig Prozent der Kinder, die die Kita der Kirche besuchen, sind Muslime. © Nadine Zilliges

Von den Heiligen Drei Königen ist nur einer zur Probe erschienen. Maria, Mutter in spe des Jesuskindes, muss unentwegt kichern und trifft den Ton nicht so zielsicher wie sonst. Aber das größte Problem bei diesem Krippenspiel kommt erst noch: Wer spielt das Schaf? Betretenes Schweigen im Gemeindesaal der evangelischen St.-Simeon-Kirche in Berlin-Kreuzberg. Dreißig Augenpaare sind auf die Frau gerichtet, die dieses etwas andere Krippenspiel seit sechs Jahren mit Herzblut und unerschöpflicher Geduld auf die Bühne bringt: Viktoriya Balitska.

Demonstrativ hält sie ein weißes Kostüm aus flauschiger Wolle in die Höhe. Ihre Darsteller schauen sie entgeistert an. Es sind überwiegend muslimische Kinder zwischen drei und 14 Jahren, in erster Linie Mädchen. „Und die wollen alle einen Engel spielen“, entfährt es Balitska nach der Probe seufzend. Sie rollt theatralisch mit den Augen. Für die diplomierte Chordirigentin aus der Ukraine ist es ein Arbeitstag wie jeder andere. Als Gemeindehelferin ist sie für die Arbeit mit den Kindern zuständig, ihr Mann Sergiy, der Küster der Kirche, kümmert sich um die Technik und die Dekoration.

Victoriya Balitska ist eine drahtige Frau mit rostroten Haaren, eine Traube von Mädchen begleitet sie auf Schritt und Tritt. Die Kinder lieben ihre „Victoriya“. Sie musiziert mit ihnen. Sie spielt mit ihnen Theater. Sogar die Kostüme näht sie selbst. Von Pippi Langstrumpf bis zum Krippenspiel sei es da nur noch ein kleiner Schritt gewesen, sagt sie.

Der Turm der St.-Simeon-Kirchengemeinde erhebt sich über einer Siedlung von schlichten Mehrfamilienhäusern. Es ist eine der ärmsten Gegenden in Berlin mit einem hohen Anteil von Zuwanderern. „Klein-Istanbul“, so wurde der nahe gelegene Kottbusser Damm mit seinen Dönerbuden und Brautmodengeschäften lange Zeit genannt. Neunzig Prozent der Kinder, die die Kita der St.-Simeon-Kirche auf dem Hof besuchen, sind Muslime. Es sind Kinder wie Akazya, vier Jahre alt, weißer Lichtkranz im dunklen Haar, weißes Satinkleid, weiße Flügel auf den Schultern. Akazya kann noch nicht lesen oder schreiben, sie hat weder im Koran noch in der Bibel geblättert. Doch die Geschichte von Maria und Josef, die ihr erstes Kind in einem Stall in Betlehem zur Welt bringen, diese Geschichte kennt sie.

Wer Jesus ist und was seine Geburt bedeutet, das erschließt sich ihr noch nicht. Mit ihren vier Jahren interessiert sich Akazya deutlich mehr für die Verkleidung als für den Inhalt. Zusammen mit den anderen Engeln bildet sie eine Art Empfangskomitee für das Christkind. Doch die Botschaft der Weihnachtsgeschichte, da ist ihre Mutter zuversichtlich, versteht sie schon. „Es geht um Liebe und darum, dass alle gleich sind“, sagt Yasemin Cimentepe, 32, während sie in ihrer Handtasche an ihrem Smartphone nestelt, um Akazya und ihre drei Jahre ältere Schwester Beste zu fotografieren. Um eine universelle Botschaft also, mit der sich auch die Kinder und Kindeskinder der Gastarbeiter identifizieren können.

Yasemin Cimentepe trägt kniehohe Stiefel, das Haar hellen Strähnchen auf, ein Piercing funkelt an der Nase. Nein, sie sei nicht strenggläubig, sagt sie lächelnd. „Das sieht man ja schon daran, dass ich kein Kopftuch trage.“ Weihnachten, das ist für sie eine willkommene Gelegenheit, die Töchter in die Kirche zu begleiten, andere Mütter zu treffen und einzutauchen in eine Religion und ihre Bräuche, von der sie sagt, sie unterscheide sich gar nicht so fundamental von ihrer eigenen. „Alle Wege führen zu Gott.“ Am Heiligabend gibt es bei den Cimentepes Geschenke für die Mädchen, Beste klimpert „O du fröhliche“ auf dem Klavier. Dass die ganze Familie vorher zum Krippenspiel in die Kirche geht, versteht sich fast von allein. Sogar die Oma kommt mit.

Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem Pfarrer Sascha Weber Kopftuchträgerinnen in der ersten Reihe erblickt. Er sagt, dass muslimische Eltern zum Christentum konvertiert seien, habe er zwar noch nicht erlebt. Aber das Weihnachtsfest nähmen viele gerne mit. „Für sie ist das ein Stück Heimat. Die sehen das ganz pragmatisch.“

Yasemin Cimentepe hat sich mit anderen Müttern vor der Bühne postiert, die Handy-Kamera im Anschlag. Die Gelegenheit ist günstig. Alle Darsteller haben sich um Maria und Josef gruppiert. Balthasar, der zweite der Heiligen Drei Könige, kommt zu spät vom Fußballtraining. Als er in seinen neongelben Nikes und im glitzernden Ornat auf die Bühne federt, bricht ein Blitzlichtgewitter über die Darsteller herein. „Akazya, guck mal in meine Richtung.“ Victoriya Balitska zieht eine Braue in die Höhe. Wer sie kennt, weiß: Gleich gibt es die Rote Karte.

Maria gibt sich jetzt einen Ruck für ihr Solo: „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.“ Die Darstellerin der Jesus-Mutter ist 14 Jahre alt, schwarz und Christin: Milena Mandé. Kenan Ertunc, der den Josef spielt, betet, wenn überhaupt, zu Allah, wie die meisten anderen Darsteller auch. Doch wer welcher Religion angehört, interessiert hier keinen. Weder bei den Proben noch auf der Bühne spiele das eine Rolle, sagt Victoriya Balitska. „Kinder sind Kinder.“

Leben sie nicht genau das vor, wovon Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin schwurbelte, als er in seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ forderte, Muslime dürften sich nicht länger in ihrer Parallelgesellschaft einrichten, sie sollten sich gefälligst integrieren?

Wenn jemand diese Frage beantworten kann, dann ist das Bekir Yilmaz, Sohn eines türkischen Zimmermanns, der seine Familie 1979 aus einem kleinen Dorf am Schwarzen Meer an die Spree holte. Seine Geschichte klingt wie ein Beispiel aus dem Lehrbuch für Integration. Abitur, BWL-Studium, heute Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Berlin, die 72 Vereine mit 100 000 Mitgliedern vertritt. Der 45-Jährige kommt im schwarzen Anzug zum Gesprächstermin. Beim Schlagwort Integration wird er zunächst still. Er formuliert seine Antwort so behutsam, als schlummere das Jesuskind nebenan und als fürchte er, es könne beim leisesten Missklang aus dem Schlaf hochschrecken.

Bekir weiß, dass er sich auf vermintem Terrain bewegt. Erst vor einigen Wochen hat ihn das Landeskriminalamt wieder daran erinnert. Da erfuhr der strenggläubige Vater von vier Kindern, dass auch er auf der Todesliste der Zwickauer Terrorzelle stand, die in Deutschland zwischen 2000 und 2006 neun Kiosk- und Dönerbudenbesitzer mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet hatte – allem Anschein nach nur aus dem einen Grund: wegen ihrer türkischen Wurzeln.

Bekir Yilmaz ist gerade von einer Adventsfeier bei der Berliner Polizei zurückgekehrt – genauer: bei Kollegen der Arbeitsgruppe Integration und Migration. Es gab Christstollen und türkisches Gebäck, eine evangelische Pastorin las aus der Weihnachtsgeschichte vor. Bekir Yilmaz hat sich lange mit ihr unterhalten. Er kennt die Story ja aus dem Koran, der Jesus als besonderen Menschen verehrt. Er sagt, die Geburt des Propheten werde ausführlich in der 19. Sure „Maria“ beschrieben. Allerdings bringe Maria ihren Sohn in dieser Version nicht in einem Stall, sondern unter einer Dattelpalme zur Welt.

Bekir Yilmaz genießt solche Gespräche. Auch das interreligiöse Krippenfest in der St.-Simeon-Gemeinde beeindruckt ihn beinahe noch mehr als ein Bummel über den festlich erleuchteten Ku’damm. Er sagt, es seien gute Gelegenheiten, um die christliche Religion kennenzulernen. Begegnungen wie diese müsse es viel häufiger geben – allerdings, und an dieser Stelle räuspert sich Bekir Yilmaz vernehmlich, auch in umgekehrter Richtung. Wie zum Beweis hat er die Kollegen von der Polizei zum Gegenbesuch eingeladen – zum Fest des Fastenbrechens, das die Muslime zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan feiern.

Anja Schuppan, seit fünf Jahren mit einem muslimischen Bauunternehmer aus dem Kosovo verheiratet und mittlerweile selbst Muslimin, hat beide Feste kennengelernt. Die Frage, ob sie das Weihnachtsfest nicht vermisst, stimmt sie keineswegs wehmütig. Ihr Gott heißt nun Allah, die Weihnachtsgans hat sie gegen schweinefleischfreie Würstchen eingetauscht,

Anja Schuppan wuchs in der DDR auf, als Kind wurde sie nicht getauft. „Bei uns zu Hause wurde nicht die Geburt des Jesuskindes gefeiert, sondern die Wintersonnenwende“, erzählt sie. Dementsprechend leicht sei ihr die Umstellung gefallen. „Weihnachten ist wie Ramadan – bloß in Grün“, sagt die Mutter zweier Kinder.

Innehalten. Die Familie treffen. Sich mit Menschen versöhnen, mit denen man sich gestritten hat. Für Bedürftige spenden. Mit den Kindern singen und basteln und die Wohnung schmücken. Das ist es, was die 37-Jährige Berlinerin im Fastenmonat umtreibt. Der Ramadan wandert durch das Jahr hindurch, das letzte Mal hat ihn die Familie im August gefeiert. Weihnachten im Hochsommer? Anja Schuppan sagt, sogar einen Advents-, Pardon, Ramadankalender habe sie für ihre beiden Söhne gefunden, zwei und 13 Jahre alt. „Jeden Tag ein Türchen.“ Er dürfte auch ihren älteren Sohn aus erster Ehe damit versöhnt haben, dass sie zu Hause am 24. Dezember keinen Tannenbaum mehr schmücken. Anja Schuppan sagt: „Weihnachten feiert er mit seinem leiblichen Papa.“

Zwei Kulturen, ein Fest. Man muss Weihnachten nur mit den Augen von Fadi Saad betrachten, dann zerfällt Thilo Sarrazins Klischee von verhüllten Frauen und schnauzbärtigen Männern, die mit zusammengerollten Gebetsteppichen weiträumig jede christliche Kirche umgehen, wie ein bröseliger Keks. Mit seinen 32 Jahren blickt Fadi Saad auf eine ungewöhnliche Vita zurück: vom mehrfach vorbestraften Gewalttäter zum Sozialarbeiter und Quartiersmanager in Berlin-Moabit, vom Schrecken der Straße zum Ehemann und Vater zweier Jungs: Jamil und Daniel, neun und fünf Jahre alt.

Dass er heute mitten in der Gesellschaft angekommen ist, verdankt er nicht nur seinem Vater, einem liberalen Moslem, der seine acht Jungs am Heiligabend mit zur Mitternachtsmesse schleppte und sie auch sonst dazu erzog, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Fadi Saad ist seit zehn Jahren mit Miriam verheiratet, einer evangelischen Christin. Zwei Seile, an denen 24 handgenähte Säckchen mit Süßigkeiten hängen, empfangen den Besucher im Flur ihrer Wohnung. Adventskalender für die Söhne. Den Heiligabend feiern sie zu Hause mit den Eltern – zum ersten Mal vielleicht sogar unter einem echten Tannenbaum. „Letztes Jahr haben sich die Kinder über die Plastiktanne beschwert“, sagt Fadi Saad.

Es wird Entenbrust mit Rotkohl und Klößen geben, und das Gebet vor dem Essen wird entweder auf Deutsch oder Arabisch gesprochen, je nachdem, wer gerade an der Reihe ist, Miriam oder er. Glaubt man Fadi Saad, dann macht das für die Jungs keinen Unterschied. Sie sind nicht getauft, aber beschnitten. Ihr Vater schaut entgeistert, wenn man ihn fragt, ob Jamil und Daniel Muslime oder Christen sind. Er sagt, den Kindern stelle sich diese Frage gar nicht. „Du kannst sie nicht nach einer Religion erziehen. Sie leben das, was du ihnen vorlebst.“

Noch gelten die Faads als Exoten. Doch was jetzt wie Zukunftsmusik klingt, das könnte eine oder zwei Generationen später zum Normalfall werden, wenn in Deutschland sozialisierte Muslime eine Familie mit einem christlichen Partner gründen. Schon jetzt beginnen die Grenzen zwischen den Kulturen zu bröckeln – ganz gleich, ob das den Muslimen gefällt oder nicht. Fatih Bayram, 35, kann ein Lied davon singen – besonders an Weihnachten. In seinem Herzen, sagt der Betreiber eines Back-&-Coffee-Shops in Berlin-Moabit, der nach dem Abitur Schauspiel studiert hat, sei er ein gläubiger Moslem. So haben ihn seine Eltern erzogen, orthodoxe Muslime, die schon fünfmal nach Mekka gepilgert sind. Auch Fatih Bayram beginnt jeden Tag mit einem Gebet. Und als neulich der Großvater von Freunden im Sterben lag, da sprang er ein, um Koranverse an seinem Bett zu rezitieren.

Er sagt, er habe Hochachtung vor der christlichen Religion, aber Weihnachten sei eben Weihnachten. „Ein Tannenbaum wäre mit unserer Tradition nicht zu vereinbaren.“ Es ist eine Art muslimisches Dogma, doch es bröckelt. Bayram ist Vater einer siebenjährigen Tochter. Geschenke, doch, die gäbe es für sie schon, räumt er ein. Inkonsequenz? Nein, so würde er das nicht nennen. „Ich bin kompromissbereit.“ Als Gastronom bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Neunzig Prozent seiner Gäste sind Deutsche. Auf den Tischen liegen Adventsgestecke, und Lebkuchen gibt es auch um diese Zeit. Ein türkischer Bäcker liefert sie täglich frisch aus Neukölln. In Herzform, sagt Fatih Bayram und lächelt. So viel Weihnachten muss sein.

Internet: www.st-simeon.de; www.fadisaad.de

Erschienen in:
Ausgabe 51/2011
Redakteur:
Antje Hildebrandt (Freie Autorin)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Islam, Kirchen, Kultur, Lebensstil