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Haltung, Bitte!

Was stimmt denn nun?

Aus: Ausgabe 08/2013

"Was halten Sie eigentlich von LĂŒgen, die Erwachsene gebrauchen, um Kinder zu erziehen?“ Sarah Z. und Bettina G., Dortmund

Von Cola kriegt man schwarze FĂŒĂŸe und vom Fernsehen viereckige Augen. Vermutlich gibt es keine Eltern oder Großeltern, die Kinder nicht schon mal belogen haben. Die meisten wĂŒrden diese kleinen Schummeleien im Interesse der Kleinen nicht einmal als LĂŒge im moralisch verwerflichen Sinne durchgehen lassen. Und Kinder tun diese SprĂŒche auch schnell als typische Erwachsenenworte ab oder nehmen sie, sobald sie groß genug sind, als das, was sie sind: hilflose Kommentare zur ungesunden Lust auf SĂŒĂŸgetrĂ€nke oder Glotze.

Ein klares Nein hĂ€tte auch geholfen. 80 Prozent der Erwachsenen sollen sich an LĂŒgen ihrer Eltern erinnern können. Die meisten elterlichen Schummeleien kommen aus Bequemlichkeit. Oder weil sie sich ertappt fĂŒhlen. „Mama, was hast du gestern Abend gemacht?“, fragt die AchtjĂ€hrige beim FrĂŒhstĂŒck. „Ein Buch gelesen“, antwortet die Gefragte. Es wĂ€re ihr unangenehm, zu erklĂ€ren, warum sie durch ein mittelprĂ€chtiges Fernsehprogramm zappte, wo sie ihre Tochter doch dazu erziehen will, einer kreativeren FreizeitbeschĂ€ftigung nachzugehen. Es könnte allerdings sein, dass das Töchterchen aus dem Kinderzimmer gehört hat, womit die Mama sich beschĂ€ftigt. Dann wĂŒrde das Kind entweder achselzuckend in den Tag gehen, weil es sich belogen weiß, oder die Mutter geriete in ziemliche ErklĂ€rungsnöte. Dann lieber bei der Wahrheit bleiben.

Warum der AchtjĂ€hrigen nicht erzĂ€hlen, dass auch eine Mutter manchmal so erschöpft ist, dass sie sich nur noch ablenken will? Vertrauen ist eine fragile Angelegenheit. Kinder mĂŒssen allerdings nicht alles wissen. Es geht sie nichts an, worĂŒber Eltern am Telefon sprechen.

Das können Erwachsene auch sagen, anstatt den ErzĂ€hlstoff zu erfinden. Schlimm wird es, wenn LĂŒgen als Angstmacher gebraucht werden. „Wenn du nicht Ruhe gibst, dann lasse ich dich am Straßenrand stehen.“ Diese LĂŒgen flutschen leicht ĂŒber die Lippen, wenn die Nerven blank liegen. Aber sie beschĂ€digen das Vertrauen nachhaltig.






Erschienen in:
Ausgabe 08/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Ethik