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Haltung, bitte!

Vorsicht, Göre

Aus: Ausgabe 50/2013

„Unsere Enkeltochter, acht Jahre alt, ein sehr ruhiges Kind, hat seit ein paar Wochen eine neue Freundin, ein Nachbarsmädchen. Wenn sie bei uns ist, dreht sich alles um dieses Kind. Sie himmelt es geradezu an. Ich finde das Mädchen wild, schlecht erzogen und sehr herrisch. Wie kann ich meiner Enkelin liebevoll sagen, dass die neue Spielkameradin ihr nicht guttut?“ Franzi D., Calw

Erst kommt das Nachbarsmädchen, dann eine Reihe von Jungs, irgendwann vielleicht sogar ein Mann, den Sie an der Seite Ihrer Enkelin lieber nicht sehen wollen. Kinder und Enkel schenken in den Augen der Erwachsenen nicht immer den Richtigen ihr Herz. Manchmal rennen sie sogar in ihr Unglück. Wer wollte die Lieblinge nicht davor bewahren.

Sie können natürlich versuchen, zu zeigen, was Sie von der Göre halten. Mit kleinen Bemerkungen, die wie Nadelstiche sind. Mit deutlichem Kopfschütteln. Bei einer Achtjährigen sogar mit Verboten. Doch um welchen Preis? Entweder wird das Kind seine Freunde künftig vor Ihnen und Ihrem strengen Blick verstecken. Oder es stellt die Besuche ganz ein. Zeigen Sie der Enkeltochter, dass Sie ihr vertrauen. Bekunden Sie Interesse an dieser neuen Freundschaft. Was fasziniert sie an dem Nachbarsmädchen? Vielleicht ist es ja die rotzige Art.

Die Mutter von Annika war sicher zu Anfang auch nicht begeistert davon, dass ihr wohlerzogenes Töchterchen mit Pippi Langstrumpf spielt. Aber sie hat dem frechen Ding eine Chance gegeben. Vielleicht hat dieses Mädchen auch wunderbare Seiten, die Sie nicht sehen – anders als Ihre Enkelin. Haben Sie selbst nie für ein Kind geschwärmt, das anders war als Sie?

Wenn Ihre Beziehung stimmt, können Sie durchaus sagen: „Ich mag die Art des Mädchens nicht, dich unterzubuttern. Ich finde die Art, wie sie dich behandelt, nicht in Ordnung.“ Möglich, dass Ihre Enkeltochter das Freundinnenglück ganz anders erlebt. Geben Sie ihr den Raum, diese Erfahrung zu machen. Selbst wenn es eine schlechte Erfahrung wird. Dann kann sie erst recht eine einfühlsame Großmutter gebrauchen.






Erschienen in:
Ausgabe 50/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Lebensstil