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Haltung, bitte!

Vorsicht Gift!

Aus: Ausgabe 03/2014

„Im letzten Sommer mietete ich eine Wohnung in einem Haus, das nach einer Renovierung so vergiftet war, dass ich krank wurde. Deshalb habe ich gekündigt, wohne aber nun in unmittelbarer Nachbarschaft, auf der anderen Straßenseite. Das Wohnviertel ist sehr begehrt, deshalb musste ich einer guten Freundin schon dringend abraten, meine alte Wohnung zu mieten. Muss ich meinen potenziellen Nachmietern von meinen Vergiftungserscheinungen erzählen? Oder ist das schlicht ,nicht mehr mein Bier‘?“ Lu M., Frankfurt

Mit dem Gift, das krank macht, meinen Sie vermutlich Kleb- oder Farbstoffe und nicht das soziale Klima im Haus? Weiß Ihr Vermieter denn von Ihren Reaktionen auf das Material, das bei der Renovierung verbaut wurde? Hat er nur mit den Achseln gezuckt oder wurde die Wohnung auf Schadstoffe untersucht und der Mangel beseitigt?

Und was ist mit den anderen Mietern im Haus? Hatten die ähnliche Klagen? Es kann ja vorkommen, dass nicht alle Menschen auf alle Stoffe allergisch reagieren. Aber auch wenn die Pest und der Schimmel noch in den Wänden säßen, müsste das Ihre Verantwortung nicht mehr sein. Vermutlich haben Sie quälende Wochen und Monate hinter sich, voller Sorge, Ärger, Ohnmacht und Wut. Diese Gefühle stecken sicher noch eine Weile in Ihrer Haut und sind unter Umständen toxischer als die Giftstoffe, die man entfernen kann, und als die Krankheit, die hoffentlich in neuer Umgebung verschwunden ist. Aber nun trägt der Vermieter die Verantwortung für sein Eigentum.

Er müsste den Nachmietern von den Problemen berichten – und Abhilfe schaffen, wenn Gifte nachgewiesen sind. Wenn er es nicht tut und hofft, dass niemand so genau nachfragt, dann verletzt er seine Pflichten. Dass Sie eine Freundin warnen, ist verständlich. Wenn „die Neuen“, alarmiert durch Nachbarn, bei Ihnen nachfragen, können Sie Ihre Sicht der Dinge klarmachen. Wer will schon buchstäblich aus dem Fenster beobachten, wie andere Menschen den Schaden erleiden, aus dem man selber mühsam klug geworden ist? Vielleicht begegnen Sie den neuen Bewohnern mal auf der Straße. Dann können Sie sich ja als Vormieterin outen und von den Vergiftungserscheinungen berichten. Warten Sie aber nicht täglich darauf, dass auf der anderen Straßenseite erneut der Umzugswagen steht! Sonst werden Sie das Gift dieser schlechten Erfahrung nie los.


Erschienen in:
Ausgabe 03/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik, Wirtschaft