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Haltung,, bitte!

Vom Erbe entzweit

Aus: Ausgabe 21/2012

„Ich bin die Patentante des Kindes einer meiner Schwestern. Zwischen uns herrscht seit einer heftigen Auseinandersetzung wegen unseres elterlichen Erbes seit Jahren Funkstille. Zu meinem Patenkind habe ich auch keinen Kontakt. Ich schreibe ihm zum Geburtstag und zu Weihnachten. Ohne Reaktion. Der Junge, mit dem ich vorher eng verbunden war, wird in zwei Wochen konfirmiert. Ich bin nicht eingeladen. Soll ich trotzdem hingehen?“ Meike C., Osnabrück

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise." Mit diesem Satz beginnt nicht nur der Roman „Anna Karenina“ von Tolstoi. Er passt auf jede Familientragödie, auch auf den Geschwisterzwist, den sie andeuten. Tragisch daran ist nicht nur das böse Schweigen, sondern dass die nächste Generation in den kalten Familienkrieg gezwungen wird. Kann ein Erbe so einen Preis haben? Oder können Sie aus Anlass der Konfirmation auch die unsichtbare Demarkationslinie zu Ihrer Schwester übertreten und Frieden machen? Es klingt so, als warteten Sie auf ein Zeichen. Geben Sie doch selbst eines.

Natürlich könnten Sie sich einfach in den festlichen Gottesdienst schleichen – die böse, die verschwiegene, vielleicht aber auch die heimlich ersehnte Schwester und Tante. Manchmal hilft es, sich in die Augen sehen zu müssen. Sie könnten die versammelte Verwandtschaft aber auch überfordern oder brüskieren. Natürlich können Sie es halten wie gehabt. Ein Brief, ein kleines Geschenk. Schließlich ist die Konfirmation auch das feierliche Ende des kirchlichen Patenamtes. Das Kind ist nun religionsmündig und will seine Taufe beglaubigen. Für Paten ist das unter normalen Umständen ein Moment des Innehaltens und der Dankbarkeit. Sie sind am Lebensweg dieses Jungen beteiligt, und dies ist sein Fest. Geben Sie sich einen Ruck. Rufen Sie Ihre Schwester noch vor dem großen Ereignis an. Oder gehen Sie einfach vorbei, mit einem Blumenstrauß und der schlichten Bitte: „Lass uns Frieden machen. Auch für den Jungen, der nun erwachsen wird und den ich vermisse.“

Wenn es gut läuft, steht der Junge im Hintergrund, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und sagt, halb genervt, halb traurig, während er die Augen verdreht: „Mannomann. Erwachsene. Und ihr wollt unsere Vorbilder sein? Gebt euch einen Ruck.“



Erschienen in:
Ausgabe 21/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Familie, Lebensstil