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Brief an die Bundeskanzlerin

Verzwergung

Aus: Ausgabe 02/2012

Angela Merkel forderte in ihrer Neujahrsansprache eine Mitmach-Politik. Johann Michael Möller findet die Idee genial.

Ihre Neujahrsbotschaft habe ich mir gleich mehrfach angehört. Die heutige Technik macht das ja möglich: Merkel zum Nachhören! Man sollte das auch tun, um die ganze Wucht Ihrer Vorhersagen auskosten zu können, dass es nächstes Jahr womöglich noch schwerer werden wird als in diesem. Die arabische Revolution, die japanische Atomkatastrophe und die europäische Währungskrise sind schließlich die Maßstäbe, die Sie anlegen, um uns erschrecken zu lassen, was denn da noch kommen möge.

Eine „Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede“ nannte man das früher. Aber in unserer nüchternen Zeit bleibt davon nur ein feuchter Händedruck übrig. Schließlich geht es uns ja gut, wie Sie sagen. Und außerdem sind wir selber verantwortlich, wie Sie Heinrich Heine zu Recht zitieren: Deutschland, das sind wir schließlich selbst. Und wenn es uns dadurch schlechter geht, dann gilt das eben auch. Ich halte Ihre Erfindung des „Mitmach-Deutschlands“ für genial. Es erfordert logischerweise die Mitmach-Politik, und ich stelle mit Freuden fest, dass Frank Schätzings Roman über die Schwarmintelligenz inzwischen auch im Kanzleramt gelesen wird. Alle reden demnach mit und alles wird gut. Da sage noch einer, es stünde schlecht um unsere Demokratie. Beim Nachhören Ihrer Botschaft fällt mir erst richtig auf, wie konsequent und folgerichtig sie ist. Beklagen wir doch nicht mehr das Verschwinden von Politik und deren Selbstverzwergung. Wir alle sind fortan unsere eigenen Politiker und Sie, liebe Frau Merkel, werden sich freuen, wenn wir – wie angekündigt – ab Februar mit Ihnen im Internet darüber diskutieren werden. Aber ich verstehe die Dialektik, mit der Ihre Kanzlerschaft dann zu sich selber kommen wird: Moderne Politik führt nicht – sie moderiert. Ich frage mich nur, warum Sie überhaupt noch Experten zu Wort kommen lassen wollen. Unter den hundert, die Sie im neuen Jahr fragen werden, könnten ja solche sein, die sogar noch eine Meinung haben und erwarten, dass man sie vertritt. Was dann? Soll darüber dann der Bundespräsident entscheiden, zumindest dort, wo er sich auskennt, wie der Eigenheimzulage? Liebe Frau Merkel, das Gute ist, dass man bei Ihnen weiß, was man nicht bekommt. Das macht Sie auf Ihre Weise klar und eigentlich auch stark. Da wir beide ja schon eine Weile den Dialog versuchen, möchte ich meine Neujahrsgrüße mit einer Bitte verbinden. Bleiben Sie in diesem kommenden Jahr nicht unter Ihren Möglichkeiten! Sie gehören zu den wenigen Politikern, die nicht beschädigt sind; die sich nicht für windige Projekte oder kleinkarierte Vorteilsnahmen rechtfertigen müssen. Sie gehören zu denen, die nicht sagen werden: Dann bin ich mal weg. Wir rechnen weiter mit Ihnen. Als Kanzlerin mit der Macht, die Ihnen verliehen wurde. Für eine Politik mit Risiko.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Johann Michael Möller (Hörfunkdirektor MDR)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
keine