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Haltung, bitte!

Verzicht, und dann?

Aus: Ausgabe 13/2013

„Ich bin Mitglied in einem Kirchengemeinderat und sehr engagiert in meiner Landeskirche. Seit zwei, drei Jahren stelle ich fest, dass ich bei Festen oder Veranstaltungen schräg angesehen werde, weil ich in der Fastenzeit Wein trinke. Alle scheinen sich einig zu sein, dass ,Sieben Wochen ohne‘ Pflicht von guten evangelischen Christen ist. Endet hier die gerühmte ,Freiheit eines Christenmenschen‘?“ Gerald V., bei Stuttgart

Die 40 Tage auf dem Weg zum Osterfest sind für die Christenheit eine Zeit der Buße. Den Weg Jesu durch die Passionszeit begleiten wir in der jährlichen Wiederholung als Zeit des Innehaltens und des Verzichts. So rückt die Geschichte Jesu uns bis heute buchstäblich auf den Leib und verbindet sich mit dem eigenen Leben. Traditionen, auch die jüngst erfundenen wie die Aktion „Sieben Wochen ohne“, können da hilfreich sein. In der Kindergartengruppe verzichten die Fünfjährigen auf ihr Spielzeug, meine Nachbarin lässt ihre tägliche Lieblingssoap und mein Mann die Schokolade im Regal. Ein freiwilliger Selbstversuch gegen den Drang nach Ablenkung oder schneller Frustbewältigung, eine Zeit, in der das Selbstverständliche fragwürdig wird.

Wenn heilsame Rituale allerdings zu Formen frommer Sozialkontrolle werden, hat das mit einer Bußbewegung nichts mehr zu tun und schon gar nicht mit der Solidarität für die vielen Suchtkranken. Viele Menschen verzichten auf Alkohol, weil das Gläschen Wein oder Sekt auch als gesellschaftliches Zeichen des Verzichts gilt. Manch ein öffentlich inszeniertes Verzichten bei Genussmitteln ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass es auch in kirchlichen Kreisen gar kein Bewusstsein für die theologische Herkunft des Fastens mehr gibt. Weglassenkönnen ist ja als solches noch keine geistliche Übung, auch nicht, wenn es im Kollektiv geprobt wird. Nun scheint der Verzicht selbst an die Stelle der Buße getreten zu sein.

Sie treffen mit Ihrer Beobachtung auf eine heikle Stelle im neuen Fastenboom. Er droht zu einem Wettbewerb zu werden. Machen Sie da nicht mit. Kommentieren Sie den schrägen Blick mit einer Gegenfrage: „Warum verzichtest du?“ Es könnte sich ein Passionsgespräch daraus entwickeln.


Erschienen in:
Ausgabe 13/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Lebensstil