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Haltung, bitte!

Vermögenswirksam

Aus: Ausgabe 38/2012

„Meine Tochter zieht zum Beginn ihres Studiums mit zwei Freundinnen zusammen in eine Wohnung. Sie muss für diese Selbstständigkeit neben dem Lernen arbeiten, um das zu finanzieren. Nun will jede den gleichen Beitrag für Miete und Haushalt in die Kasse geben. Die eine Freundin hat ein Einserabi gemacht und ein Stipendium ergattert, die andere ist Einzelkind und aus reichem Haus. Ist das gerecht?“

Stellen Sie diese Frage für Ihre Tochter? Oder kann es sein, dass Ihnen der Gedanke, dass das Kind flügge wird, Unbehagen bereitet? Wer alt genug für das Leben in einer Wohngemeinschaft ist, sollte auch Fragen wie die der gerechten Beteiligung aller selbstständig klären können. Ihre Frage ist ja erst der Anfang. Ist es gerecht, dass Ihre Tochter das größere/kleinere/hellere/dunklere Zimmer bekommt? Ist es gerecht, dass das eine Mädchen mit so viel Intelligenz gesegnet ist, dass es ein Stipendium bekommt? Ihre Frage zeigt, dass die ganze Moralphilosophie des Abendlandes aus Alltagsfragen entstanden ist. Und die sind nur auf den ersten Blick einfach zu klären. Die drei haben sich in den finanziellen Belangen des gemeinsamen Lebens für ein Gerechtigkeitskonzept entschieden, bei dem alle den gleichen Anteil in die Kasse legen. Vielleicht haben sie sogar schon Putzlisten geschrieben.


Da das Semester erst in einigen Wochen beginnt, finde ich die vorausschauende Art der drei jungen Frauen bemerkenswert vernünftig. Nun ist das jeweilige Vermögen der drei, diese Summe aufzubringen, in der Tat unterschiedlich verteilt. Deshalb hätte Aristoteles diese Lösung vermutlich auch nicht gefallen. Er hätte gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, den Anteil gemäß des je individuellen Vermögens aufbringen zu können. Das ist oft auch eine gute Idee. Aber wie soll der hier berechnet werden? Sollte das Einkommen der Eltern oder gar das geistige Vermögen auf der Habenseite addiert werden? Manche Gerechtigkeitsfragen lassen sich nicht formalisieren. Bleiben Sie gelassen und vertrauen Sie darauf, dass Ihre Tochter und die Freundinnen mit ihren unterschiedlichen Startbedingungen so umgehen, dass es im Alltag zu anderen Formen des Ausgleichs kommt.

Erschienen in:
Ausgabe 38/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Lebensstil