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Haltung, bitte!

Verantwortung zählt

Aus: Ausgabe 50/2011

„Schon wieder wird in manchen Medien über Karl-Theodor zu Guttenberg geschimpft. Ich finde das ziemlich unbarmherzig und unchristlich. Schließlich verdient jeder eine zweite Chance. Lebt unser Land denn gar nicht mehr aus der Kraft der Vergebung?“

Von der Macht der Vergebung ist in unserer Gesellschaft sicher wenig zu spüren, jedenfalls nicht dann, wenn es um Menschen mit verantwortungsvollen Ämtern einerseits und um die interessierte Öffentlichkeit andererseits geht. Eher schon leben wir in einer Spirale aus öffentlicher Empörung und gezielter Vertuschung. Hier finde ich die Redewendung vom Teufelskreis treffend, der uns alle immer tiefer verstrickt in falsche Erregung, Doppelmoral und Unbarmherzigkeit. Auf der anderen Seite arbeiten Medienberater und Spindoktoren daran, dass möglichst kein Fehler öffentlich wird. Wenn ja, klingt noch das Eingeständnis des Versagens oft wie die Verteidigungsrede eines kleinen Kindes. „Ich habe das nicht kaputtgemacht. Das war mein Teddybär.“ Diese Ausrede von Dreijährigen ist Blaupause für zu viele öffentliche Schuldeingeständnisse der letzten Jahre. Sie kommen dazu nie freiwillig, sondern nur auf öffentlichen Druck. Auch die neuerlichen Versuche des ehemaligen Superstars unter den Politikern, aus dem fernen Amerika die letzten Monate Revue passieren zu lassen, klingen nicht viel reifer. Chaos und Überforderung, ja sogar die Bestohlenen selbst sollen schuld sein am geistigen Diebstahl großer Textteile, aus denen der Graf seinen Doktortitel bastelte. Dazu der Neid und die Verfolgungslust der vermeintlichen Gegner. Das klingt nach Selbstentlastung und ist, mit Verlaub, ziemlich schamlos. Vergebung ist aber nicht vergessen machen oder ablenken oder die Schuld bei anderen suchen und die eigenen Fehler bagatellisieren. Vergebung im christlichen Geiste lebt von der ernsthaften Anerkennung des eigenen Versagens, die in der Bitte um „Entschuldigung“ zum Ausdruck kommt. Sie ist Voraussetzung für die großzügige Geste der direkt oder indirekt Geschädigten, seien es die bestohlenen Autoren oder die getäuschten Wähler. Die Kraft, aus der die Vergebung erwächst, kommt natürlich aus der Einsicht, dass auch diejenigen, die sich jetzt enttäuscht oder wütend auf den Blender zeigen, der Vergebung bedürfen. Vergebung hat aber erst dann etwas von einem Befreiungsschlag, wenn die Verantwortung für das eigene Handeln voll und ganz übernommen wird. Nun mag man sich fragen, ob Vergebung überhaupt die Kategorie ist, mit der die Causa Guttenberg richtig beschrieben ist. Mir reicht Verantwortung. Wer Verantwortung für seine Fehler voll und ganz übernimmt, der verdient in der Tat auch eine dritte und vierte Chance. Wird Verantwortung wortreich ausgeschlagen, bleibt nur der Vertrauensverlust. Der Hohn, von dem Sie sprechen, ist für mich nur Ausdruck einer tiefen Traurigkeit.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Medien