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Reformkritik

Vaterunser, nicht Mutterunser

Aus: Ausgabe 21/2011

Was soll die ständige Klage über mangelnde Gleichberechtigung? Warum eine junge Frau die alten Kämpfe ablehnt

Die Zukunft der Kirche scheint gefährdet, die Erklärung ist schnell zur Hand: Die Männer sind die Schuldigen. Abhilfe sollen die Frauen schaffen. Die evangelischen Landeskirchen machen es doch vor. Selbst die deutschen Dax-Konzerne fangen langsam an, Frauen Leitungsfunktionen anzuvertrauen. Nur die katholische Kirche kommt da nicht mehr mit.

Wenn von der katholischen Kirche die Rede ist, ist der Vorwurf der Diskriminierung und Unterdrückung der Frau nicht weit. Dorothee Sölle etwa sprach 1994 in ihrem Buch „Mutanfälle“ von einem „tiefen Ekel vor der in den Kirchen selbstverständlichen Männerherrschaft“ und forderte, dass „männlich fixierte Gottesbild auf den Kopf zu stellen“.

Geht es in der Kirche tatsächlich in der Hauptsache um eine Art Geschlechterkampf, um Rivalität zwischen Mann und Frau? Manche Ausführung jedenfalls klingt so, als könne und dürfe man ein „Gottesbild“ einfach umdefinieren. Dabei stellte schon der heilige Paulus grundlegend fest: In Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (Gal 3,28). Daher geht der Terminus „Christen und Christinnen“ ebenso wie die zeitgeistige Frage nach den Geschlechterrollen an der Bibel und dem christlichen Glauben vorbei. Paulus betonte zu Recht, dass die Zukunft der Kirche allein „von der Einheit in Jesus Christus“ abhängt.

Frauen zu Diakonen oder Priestern zu weihen scheint auf den ersten Blick eine vernünftige Position zu sein, zumal mit Blick auf den oft beschworenen Priestermangel in Deutschland. Gerade proklamierte die „Frauenkonferenz“ des katholischen Zentralkomitees (ZdK): „Die Zeit ist reif, Frauen als Diakoninnen zu weihen.“ Immerhin fiel Alois Glück, seines Zeichens Präsident des ZdK, auf, dass dieses Thema „wahrscheinlich der Zustimmung auf weltkirchlicher Ebene“ bedürfe.

In dem Wörtchen „wahrscheinlich“ schwingt ein gute Portion Understatement mit. Die Andeutung, eine derartige Entscheidung im Alleingang in einem Land umzusetzen, in dem gerade einmal zwei Prozent aller Katholiken weltweit leben, ist bemerkenswert. In der Weltkirche jedenfalls steht das reformkatholische ZdK mit seinen Forderungen recht allein auf weiter Flur.

Warum aber weiht die Kirche keine Frauen? Weil sie weniger fromm, eifrig oder schlau sind als die Männer? Nein, weil die Kirche „keinerlei Vollmacht“ besitzt, Frauen zu weihen. So hielt es zuletzt der gerade selig gesprochene Papst Johannes Paul II. fest. Die Kirche sagt nicht „wir mögen nicht“, sondern „wir können nicht“. In einer Institution wie der Kirche kommt man an der Frage der Vollmacht nicht vorbei, auch nicht aus vernünftigen Gründen oder gut gemeinter Zeitgenossenschaft.

Priester haben nach katholischer Lehre Autorität, Sünden im Namen Gottes zu vergeben oder Brot und Wein in Leib und Blut Jesu zu verwandeln. Das erfordert eine Kraft, die über das Menschliche und das Vernünftige hinausgeht. Hier gilt es zu fragen, wie Jesus die Kirche gestiftet und die Sakramente eingesetzt hat. Daran führt kein Weg vorbei, wenn die Kirche ihrer Stiftung durch Christus treu bleiben will – und deshalb, nicht trotzdem, eine Zukunft hat.
Was hat Jesus getan? Auffällig ist, dass er vor 2000 Jahren in einer antiken Welt, in der alle Religionen ihre Priesterinnen hatten, ausschließlich Männer in den Aposteldienst berief und sogar seine eigene Mutter außen vor ließ. Wer die Bibel liest, dem kann es nicht bedeutungslos erscheinen, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat; und im Vaterunser lehrt Jesus, Gott als Vater und nicht als Mutter anzusprechen.

Dass mit der Ablehnung der Weihe von Frauen zu Diakonen und Priestern keine Frauenfeindlichkeit der Kirche insgesamt verbunden ist, versteht sich bei einem Blick in die Kirchengeschichte von selbst. Ohne Zweifel spielen Frauen seit Beginn der Kirche eine bedeutende Rolle und haben das Bild der Kirche entscheidend mitgeprägt. An erster Stelle steht die Gottesmutter Maria. Sie empfing den Sohn Gottes in ihrem weiblichen (!) Leib und brachte ihn zur Welt. Sie begleitete ihren Sohn an alle wichtigen Stationen seines Lebens. Daher wird sie als größte Heilige, Mutter Gottes und Mutter der Kirche verehrt.

Maria Magdalena war die erste Zeugin der Auferstehung und verkündete die österliche Botschaft den elf Aposteln. In der jungen Kirche wirkten Frauen wie die Händlerin Lydia aus Philippi an zentralen Stellen der urchristlichen Mission mit. Frauen hatten einen unschätzbaren Dienst als Mütter, indem sie ihren Kindern den Glauben weitergaben, darunter so berühmte Personen wie die Kaiserin Helena, Mutter des Kaisers Konstantin, und die heilige Monika, Mutter des Bischofs Augustinus. Ordensgründerinnen wie die heilige Birgitta von Schweden oder die heilige Teresa von Avila, die Reformerin des Karmeliterordens, haben Weltgeschichte geschrieben. Und auch im 20. Jahrhundert wirkten Frauen wie die Philosophin und Märtyrerin Edith Stein oder die selige Mutter Theresa mit ihren Missionarinnen der Nächstenliebe an entscheidenden Stellen der Kirche.

Die Zukunft der Kirche hängt nicht davon ab, wie weiblich oder männlich sie ist. Die Zukunft der Kirche hängt von Gott ab und davon, wie gläubig Christen sind und wie treu sie Christus folgen, der die Kirche gestiftet hat. Diese Nachfolge bringt auch die manchmal mühsame Aufgabe mit sich, das Handeln Christi kennenzulernen und so nachvollziehen und verstehen zu können – auch in den quer zum Zeitgeist liegenden Fragen.

Internet: www.generation-benedikt.de

Erschienen in:
Ausgabe 21/2011
Redakteur:
Mareike-Christin Bues (Sprecherin Generation Benedikt)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Familie, Sexualität