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Haltung, bitte!

Vaters Geheimnis

Aus: Ausgabe 51/2012

„Beim Tod meines Vaters habe ich erfahren, dass ich eine zwei Jahre jüngere Halbschwester habe. Sie ist 38. Ihre Mutter war eine Bürokollegin meines Vaters. Das Gericht hat sie als Erbberechtigte angeschrieben. Jetzt verlangt sie ihren Pflichtteil. Den soll sie natürlich haben. Aber soll ich auch persönlich Kontakt mit ihr aufnehmen? Mein älterer Bruder lehnt das für sich strikt ab." Bettina L., Rosenheim

Was wäre, wenn ich eine kleine Schwester hätte? Haben Sie sich das früher auch manchmal gefragt, wenn Ihr Bruder Ihnen mit seinen imitierten Motorengeräuschen, seinem ewigen Fußballgequatsche und seinen unmöglichen Freundinnen auf die Nerven gegangen ist? Jetzt haben Sie eine. Natürlich nicht so, wie Sie sich das vorgestellt haben.

Wenn sich in der Trauer um den Vater wie aus heiterem Himmel die Erkenntnis einstellt, dass er jahrzehntelang mit einer Lüge gelebt hat, ist das ein Schock. Vielleicht hat er Ihnen das Kind aus der Beziehung mit einer Kollegin vorenthalten, damit das Bild von der heilen Familie keine Kratzer bekommt. Dann war sein Verrat sogar noch gut gemeint.

Vielleicht wollte die andere Frau nichts mehr mit ihm zu tun haben. Oder er hat sie schmählich verlassen und ist die Verantwortung für sein drittes Kind schuldig geblieben. So oder so muss Ihnen nun auch Ihr eigenes Leben wie eine Lüge erscheinen. Und das Bild, das Sie beide von Ihrem Vater hatten, hat wahrscheinlich einen dicken Riss. Vermutlich ist Ihr Bruder in seiner Enttäuschung über den Vater gefangen und überträgt dieses Gefühl auf die unbekannte Halbschwester. Wenn er ihr nicht begegnet, muss er auch seiner eigenen Familiengeschichte nicht unter neuen Vorzeichen begegnen.

Es kann gut sein, dass diese Schwester ihr Leben lang ähnliche Gefühle ihrem Vater gegenüber hatte, der sie verlassen hat. Vielleicht wusste sie ja sogar, dass er Kinder hatte. Oder hat auch sie gerade erst von ihrer zweiten Familie erfahren? Es kann sein, dass sie Sie erst mal genauso vehement abweist, wie Ihr Bruder das tut. Über dreißigjährige Gefühle sitzen hartnäckig fest.

Folgen Sie trotzdem Ihrer Neugier. Schreiben Sie ihr einen Brief. Geben Sie ihr Raum genug, das Angebot zu einer Begegnung anzunehmen oder abzulehnen. Was können Sie schon verlieren? Im besten Falle gewinnen Sie eine Halbschwester.






Erschienen in:
Ausgabe 51/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie