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Haltung, bitte!

Ungebetene Boten

Aus: Ausgabe 04/2013

„Darf man Geschenke, die einem nicht gefallen, weiterschenken?“ Kornelius A., Coesfeld

Ein guter Bekannter von mir hat am 29.Dezember Geburtstag. Er nennt diesen Tag den Geschenke-Recycling-Tag und ist gar nicht unzufrieden damit. Denn manchmal sind die Geschenke, die Freunde und Verwandte nicht wollen, für ihn ein Volltreffer. Nur in diesem Jahr wurde es peinlich. Da bekam er ein Buch, das er immer schon mal lesen wollte. Mit einer liebevollen Widmung. Die war allerdings von ihm – für seine Schwester. Die Kunst des Weiterverschenkens ungeliebter Gaben will geübt werden.

Diese Frage treibt offenbar so viele Menschen um, dass im Internet ein richtiggehendes Geschäftsmodell entstanden ist – Geschenketauschbörsen. Im Grunde ist das keine schlechte Idee. Warum den dritten Sektkühler im Schrank haben oder die Skijacke, die viel zu klein ist, wenn andere händeringend danach suchen? Unter Verwertungsgesichtspunkten ist das Weiterverschenken geradezu angesagt. Es gibt im Umgang mit Präsenten ja auch eine Verlogenheit, die die Idee des Schenkens verrät. Da ist die bunte Kristallvase, die immer eilig aus dem Keller hervorgekramt werden muss, wenn die Patentante sich ankündigt.

An diesem Beispiel wird allerdings auch deutlich, wie sensibel das Thema ist. Vielleicht ist die Schummelei ja auch eine Form der Liebe gegenüber der Tante mit dem schlechten Geschmack und dem großen Herzen.

Denn Geschenke sind eben nicht nur Dinge, sondern Symbole, also Zeichen mit verschlüsselter Botschaft. Manchmal spricht aus einem unpassenden Geschenk nur Zeitdruck oder Einfallslosigkeit. Manchmal können Geschenke auch beleidigen, wie der Staubsauger, den eine Freundin von ihrer Schwiegermutter bekam, weil die mit den Sauberkeitsstandards ihrer Schwiegertochter nicht einverstanden war. Für so einen Fall ist die Tauschbörse eine prima Erfindung. Geschenke haben eine Botschaft. In ihnen schenkt sich der Schenkende immer auch selbst.

Deshalb überlegen Sie genau, was Sie da weitergeben. Es mag sein, dass Sie das Buch über den Zweiten Weltkrieg von Ihrem Schwiegervater nicht interessiert, weil Sie sich nie für Historienschinken begeistern konnten. Vielleicht will er aber auch nur mit Ihnen ein gemeinsames Thema finden oder über seine eigenen Erlebnisse als Kind im Krieg reden. Daher sollten Sie nach der Botschaft fragen, ehe Sie ein Geschenk weitergeben.






Erschienen in:
Ausgabe 04/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur