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Haltung, bitte!

Umstrittener Schnitt

Aus: Ausgabe 28/2012

„Warum setzen sich katholische und evangelische Bischöfe öffentlich für das Recht auf Beschneidung von Juden und Muslimen ein? Gehört der Einsatz gegen die Beschneidung nicht zur Botschaft des Paulus und damit zur Pflicht der Christen? Siegbert A. E., Backnang

Manchmal hilft ein Blick in den biblischen Text. Der Apostel Paulus, der als Heidenmissionar denen vom neuen Bund Gottes mit den Menschen erzählt, die nicht zur jüdischen Gemeinde gehören, wehrt sich gegen den Druck, dass auch Heiden sich beschneiden lassen müssen. Das ist für die jüdische Gemeinde, aus deren Reihen Jesus selbst kam, eine Zumutung. Deshalb tagt der erste Krisengipfel der Kirche über einem einzigen Tagesordnungspunkt. Wie sollen es die neuen Christen mit der Beschneidung halten? Von diesem Apostelkonzil wird im Neuen Testament zweimal aus unterschiedlicher Perspektive berichtet. Das Ergebnis ist so etwas wie ein heiliger Kompromiss. Juden, auch die, die sich zur Christusgemeinde zählen, halten am Ritus der Beschneidung fest.

In diesem kleinen Eingriff wird der Bund Gottes mit den Menschen zeichenhaft deutlich. Die sogenannten Heiden können, wenn sie wollen (sic!), darauf verzichten. Ihre „Beschneidung des Herzens“ ist ja die Taufe. Paulus hat nie die Beschneidung seiner jüdischen Brüder infrage gestellt. Wer also den jüdisch-christlichen Dialog ernst nimmt, kann nicht gegen das Recht jüdischer und muslimischer Eltern angehen, ihre Knaben nach dem gebotenen religiösen Ritus beschneiden zu lassen. Schließlich ist das Urteil des Kölner Landgerichtes ein massiver Eingriff in das Elternrecht, seine Kinder in die religiösen Traditionen einzuführen.

Was wäre, wenn eine staatliche Instanz die Kindertaufe unter Strafe stellen würde, weil in diesem Ritus das Kind zum Christentum gezwungen werde? Die Freiheit, sich gegen die Religion der Eltern zu entscheiden, ist ein hohes Gut. Diese Freiheit muss gesichert bleiben, in Kirche, Synagoge und Moschee. Aber vielleicht müssen sich Christinnen und Christen daran gewöhnen, dass es neue Bündnispartner gibt im Streit für die Freiheit der Religion als Lebensform.




Erschienen in:
Ausgabe 28/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Islam, Judentum, Kultur, Familie, Ethik, Sexualität, Lebensstil