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Haltung

Trotz oder Trost?

Aus: Ausgabe 40/2011

„Unser Großonkel war ein glühender Kritiker der Kirche und vermutlich Atheist. Jetzt hat die Familie entschieden, ihn kirchlich bestatten zu lassen. Uns tat es gut, aber ist das denn nicht eine unzulässige Vereinnahmung des Verstorbenen?“

„Nicht mal im Tode sind die Gottlosen vor Gott sicher“, hat vor dreihundert Jahren ein französischer Philosoph notiert. Vielleicht würde Ihr Großonkel diesem Satz zustimmen und zustimmend seufzen. Wenn er sich in seinem Leben deutlich gegen die kirchliche Bestattung ausgesprochen hat, wäre der Weg zur letzten Ruhe tatsächlich eine Respektlosigkeit gegenüber seinen Überzeugungen und eine übergriffige Verletzung seines Rechts, vom Glauben abzufallen. Die Freiheit von der Religion ist ein hohes Gut, das auch Christen achten sollten. Dann und wann verbitten Menschen sich noch im Leben die Zwangstaufe nach dem Tode. Geistliche, die mit den trauernden Familienmitgliedern sprechen, sollten deshalb genauer nachfragen, wenn sie wünschen, dass ein Verstorbener mit kirchlicher Begleitung zur letzten Ruhestätte geleitet wird, der kein Kirchenmitglied ist.

Vielleicht war Ihr gottloser Großonkel aber auch ein gütiger Mann, der die Sehnsucht oder die Überzeugung seiner Anverwandten so sehr achtete, dass er bewusst darauf verzichtet hat, die vorletzten Dinge zu regeln, nachdem die letzten Dinge für ihn entschieden waren. Atheisten, wenn sie keine modischen Religionsverächter ohne Sinn und Verstand sind, denken ja oft genug mehr über Gott nach als die, die die Fragen nach Gott nicht an sich heranlassen. Wenn für einen Menschen nach dem Tode alles aus ist, bleibt trotzdem die Sorge um die Menschen, die er zurücklässt. Vielleicht wusste er, dass Sie, seine Familie, als die trauernden Hinterbliebenen den christlichen Trost nötig haben. Oder er hoffte doch auf die Hoffnung, die er zu Lebzeiten nicht mit Ihnen zu teilen vermochte. Dann könnten Sie nun für ihn glauben, dass sein Leben in Gott geborgen ist. Die letzte Ruhe wäre dann noch lange nicht das letzte Wort. Möglicherweise war Ihr Großonkel auch nur einer, der zeit seines Lebens mit der Kirche im Clinch lag, aber innerlich wie Hiob mit dem Allerhöchsten stritt wie ein Kesselflicker? Dann hätte dieser unruhige Geist vielleicht seine Ruhe doch in dem gefunden, der höher ist als alle Vernunft. Nehmen Sie sein Andenken doch ernst, indem Sie sich in Ihrer Familie dann und wann seine Fragen stellen.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr. Leserpost bitte an: Christ?&?Welt, Heinrich-Brüning-Straße 9, 53113 Bonn. Stichwort „Haltung“. E-Mail: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 40/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch