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Haltung, bitte!

Trikot unter Sakko

Aus: Ausgabe 27/2012

„Ich wage kaum, es zuzugeben, aber Fußball nervt mich. Anders mein Mann, meine Söhne und Töchter, meine Arbeitskollegen, unser Freundeskreis. Ab sechs Uhr werden bei uns die Spiele übertragen. Was soll ich tun? Einen neuen Fernseher kaufen? Um fußballfreie Abende bitten?" Marita S., Köln

Alle reden vom anderen Europa, einem Europa mit Seele und Herz, einem Europa der Leidenschaft und des solidarischen Mitleidens. Da jubeln plötzlich Deutsche mit Südländern. Bei der Europameisterschaft ist dieses andere Europa gegenwärtig, mitten in den Debatten um Schuldenberge und ökonomische Abgründe. Krisengeschüttelt sind während des Turniers nur die Fans der Mannschaften, die ausgeschieden sind.

Leider werden nun Wohnzimmer zu Krisenregionen. Ehemänner gehen in Trikots unter dem Sakko zur Arbeit, Söhne und Töchter gehen beim Frühstück die Spielentscheidungen des letzten Abends noch mal durch und kommentieren Versuche eines Themenwechsels mit strengem Blick. An den Balkonen waschechter Regierungskritiker hängen Fahnen, und die Autos sind geschmückt wie bei einem Kindergeburtstag. Während die Fußballbegeisterten die Leidenschaft trotz Schlafdefizits durch den Tag trägt, bleiben die zurück, die das andere Europa bilden. Die Schattenwesen, die wahren Verlierer dieses fröhlich-dramatischen Großereignisses. Das sind die, die mit Fußball nichts anfangen können und ungerechterweise als Fußballhasser oder Ignoranten dargestellt werden.

Sie gehören offenbar auch zu diesen Menschen, die Abend für Abend wie unsichtbar für den Rest der Familie durch die Wohnung geistern, weil die sich mit der schönsten Nebensache der Welt befasst. Ein neuer Fernseher wäre eine Lösung, allerdings eine, die nach Kapitulation riecht. Sie müssen sich in ein Nebenzimmer verkriechen und sich mit Schmonzetten oder uralten Krimis zufriedengeben, während sich im Nebenraum Menschen um den Hals fallen, tanzen und gemeinsam singen. Machen Sie doch aus der Schattenexistenz eine klare Sache. Verschwinden Sie.

Treffen Sie sich mit dem einen Freund Ihres Mannes, der Fußball unerträglich findet, beim angesagten Italiener. Sie kriegen bestimmt einen Tisch. Gehen Sie alleine ins Kino. Aber seien Sie keine Spielverderberin. Lassen Sie Ihren Lieben diesen Spaß. Planen Sie für die Weltmeisterschaft einen kleinen Kurzurlaub dort, wo weit und breit keine Bildschirme sind, falls es diesen Ort noch irgendwo gibt.

Erschienen in:
Ausgabe 27/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Außenpolitik, Medien, Lebensstil