Der Atheist, der was vermisst
Trennen ist in
Aus: Ausgabe 07/2012
Paare, die glauben, haben es leichter. Oder ist das Selbstbetrug? Martin Ahrends diskutiert mit seiner Tochter.

Dass sich jetzt so viele junge Paare in ihrer Umgebung trennen würden, sagt meine Tochter Sarah. Die glauben können, haben es da leichter, sage ich, „stimmt“, sagt sie gleich. Ich hatte mit einer verwunderten Nachfrage gerechnet oder mit einem ironischen Kommentar: „Kommst du jetzt auch in das gläubige Alter…“ – „Man hat es leichter“, sagt sie, „wenn man glaubt, den Richtigen gefunden zu haben, statt innerlich immer weiter zu suchen wie in einem Supermarkt. Aber ist das nicht Selbstbetrug?“ – „Klar war es Zufall, dass ihr in derselben Abiturklasse wart und euch damals verliebt habt beim Klassenspiel. Aber es tut nicht gut, solche Dinge Zufall zu nennen. Unsere ganze Existenz ist ein Zufall, objektiv. Aber mit diesem Satz lebt es sich schlecht. Besser, wenn wir an so etwas wie Bestimmung glauben oder Schicksal, in das wir uns zu schicken haben, anstatt es anzuzweifeln oder anzuklagen. Das sind ganz lebenspraktische Bedürfnisse, und die Religionen tragen ihnen Rechnung, sie bestärken uns in unseren Entscheidungen. Geben ihnen überpersönliche Gültigkeit. Sie vergewissern uns dessen, was ständig anzuzweifeln nur unnötig Kraft kosten würde.“ – „Wie war das eigentlich früher, als die jungen Leute von ihren Eltern verheiratet wurden?“, fragt sie dann. „Waren die glücklich miteinander, obwohl sie nie die Wahl füreinander getroffen hatten?“ – „Vielleicht kann man mit beinahe jedem Partner zusammenleben“, sage ich, „wenn man daran glaubt, dass es Bestimmung ist und dass man die Entscheidung nicht auf den eignen schwachen Schultern tragen muss.“ – „Jetzt gehst du aber zu weit“, antwortet sie, „die Literatur ist voller tödlicher Liebesdramen, wo Eltern sich in die Gattenwahl der Kinder gemischt haben.“ – „Klar“, sage ich, „aber wo liegt die Wahrheit? Sicher scheint mir, dass es die Paare leichter haben, die glauben können, ihre Verbindung sei nicht allein in ihrer Zuständigkeit und Verantwortung. Sie müssen nicht ständig zweifeln, ob sie nun wirklich den einzig Richtigen ausgesucht haben oder vielleicht doch noch ein Besserer zu finden wäre irgendwo. ‚Ehen werden im Himmel geschlossen‘, dieser Satz ist wissenschaftlicher Unsinn, aber von hohem lebenspraktischem Wert.“ – „Jetzt müsste man nur noch daran glauben können“, sagt Sarah, und wir lachen.





