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Haltung, bitte!

Total integriert

Aus: Ausgabe 41/2011

„Als Rektorin einer katholischen Grundschule habe ich einer Schülerin mit Migrationshintergrund keine Empfehlung fürs Gymnasium gegeben. Das ist mir sehr schwer gefallen. Die Eltern sind Sturm gelaufen gegen die Entscheidung. Die dann nötige Aufnahmeprüfung auf einem Gymnasium hat die Schülerin knapp nicht bestanden. Daraufhin zogen die Eltern vor Gericht. Der Fall geht jetzt in die zweite Instanz. Die Sache vergiftet das Klima in meiner Schule. Und inzwischen wird meine eigene Tochter auf dem Weg zum Gymnasium belästigt, wie wir vermuten, von Brüdern und Freunden der Schülerin. Habe ich richtig gehandelt, weil meine Umgebung die Folgen meiner Entscheidung mittragen muss?“

Mit gehörigem Zynismus könnte ich jetzt sagen: Da haben Sie es ja mit vollständig integrierten Eltern zu tun. Erst machen sie Druck, damit das eigene Kind aufs Gymnasium kommt, auch wenn die Leistungen nicht stimmen, und wenn das nichts bewirkt, ziehen sie vor Gericht. In der Tat könnten Eltern mit Migrationshintergrund auf die Idee kommen, ihrem Kind würde übel mitgespielt. Wissenschaftliche Untersuchungen und reißerische Medienbeiträge bestätigen ja, dass Kinder von deutschen Akademikern oft genug trotz mangelnder Leistungen auf die höhere Schule verschoben werden. Zur Not geht es noch auf einer Privatschule. Ob die Kinder dem Leistungsdruck dann gewachsen sind, ist ja eine andere Frage, die viel zu selten gestellt wird.

Wenn Sie sich sicher sind, dass Sie bei der Tochter eines deutschen Juraprofessors die gleiche Empfehlung ausgesprochen hätten, haben Sie nichts falsch gemacht. Denn nur wenn Sie versuchen, alle Kinder gleich zu behandeln, haben auch alle die gleichen Startbedingungen. Da die ehrgeizigen Eltern des Mädchens offenbar andere Gründe hinter der Ablehnung vermuten, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder haben sie in anderen Situationen echte Benachteiligungen erlebt und gebrauchen die offizielle Abweisung nun als Ventil für ihren Frust. Oder sie nutzen die öffentlichen Debatten für ihre Zwecke aus.

In beiden Fällen können Sie das Problem nicht alleine bewältigen. Kennen Sie Eltern mit vergleichbarem Hintergrund, die sich für Sie und Ihre Unbestechlichkeit auch öffentlich verwenden können? Auf jeden Fall dürfen Sie sich nicht erpressen lassen. Es ist nicht akzeptabel, wenn Ihre Tochter drangsaliert wird. Lassen Sie sich das nicht bieten und gehen Sie notfalls zur Polizei. Sonst machen Sie sich erpressbar.

Erschienen in:
Ausgabe 41/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Katholisch, Islam, Kultur, Familie