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Haltung, bitte!

Tischgespräche

Aus: Ausgabe 23/2012

„Wir waren bei Freunden zu einem festlichen Abendessen eingeladen. Einer der Gäste verkündete lautstark die These, die Deutschen würden wegen des Holocausts für die anderen Länder in Europa zahlen. Damit müsse jetzt Schluss sein.“ Es folgten antisemitische Ausfälle. Mein Mann hat sich heftig mit dem Gast gestritten, alle anderen schwiegen betreten. Nun sind unsere Freunde sauer, weil sie finden, mein Mann hätte aus Höflichkeit keinen Streit anfangen dürfen. Wie sehen Sie das?“ Henrieke S., Hildesheim

Weiße Tischtücher haben noch nie verhindert, dass dreckige Thesen über den Zustand der Welt durch die Gegend geschleudert werden. So liegt über dem Stammtisch die Farbe der Wohlanständigkeit, die Gäste sind redegewandt und das Publikum kann höchstens betreten mit den Serviettenringen nesteln. Meistens beginnt so ein Ausfall mit dem Satz: „Man wird doch noch mal sagen dürfen.“ Über das vermeintliche Tabu setzt sich der so in Rage Geredete nun energisch hinweg und dröhnt seine Ansichten heraus. Wie stinkende Gülle schwemmt manchmal auch der Antisemitismus nach oben. Wo eben noch Ratlosigkeit und Sorge über den Zustand Europas (und des eigenen Bankkontos) war, schwebt nun eine einfache Lösung über dem edlen Porzellan. So kriegt der Gast nicht nur volle Aufmerksamkeit in kleiner Runde, so werden auch Bestseller gemacht. Seit einer Woche ist so ein Buch wieder in der Diskussion. Vermutlich hat der Tischnachbar ein paar Überschriften des neuen Buches von Thilo Sarrazin aufgeschnappt und noch ein paar persönliche Verschärfungen hinzugefügt. Ach, tut es gut, endlich mal diese politische Korrektheit über Bord zu werfen. Nach dem dritten Glas Rotwein geht es ganz leicht. Der Ekel, die Neugier oder das stillschweigende Nicken der Zuhörenden gehört zu solchen Auftritten wie der Käse nach dem Mahl. Ein Hoch auf die, die diesem gefährlichen Blödsinn Einhalt gebieten, die unterscheiden können zwischen der beängstigenden Lage in Europa und tiefen Ressentiments, zwischen Verschwörungen und Argumenten, zwischen vermeintlichen Tabus und offenkundiger politischer Ratlosigkeit. Gutes Benehmen ist nicht das Gegenteil von Wahrhaftigkeit und Widerspruchsgeist, sondern seine äußere Form. In diesem Sinne hat Ihr Mann sich gut benommen, besser als die, die feige geschwiegen haben. Bürgerlich ist nicht der, der mit Messerbänkchen umgehen kann. Bürgerlich ist der, der sich für die politische Kultur mitverantwortlich fühlt.

Erschienen in:
Ausgabe 23/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine