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Haltung!

Tabuzone Telefon

Aus: Ausgabe 05/2012

„Dürfen wir als Eltern heimlich die Kurznachrichten auf dem Handy unserer 14-jährigen Tochter lesen?“ Edith und Thomas R., Erfurt

Welche Botschaften vermuten Sie dort? Verabredungen, Kommentare über Lehrer, Nachrichten von einem heimlichen Verehrer, Zeilen von einem Mädchen, das Sie nicht gerne in der Nähe Ihrer Tochter sähen? Für Eltern ist es nicht leicht, zuzusehen, wie die eigenen Kinder die kleinen Geräte wie Prothesen am Körper halten, immer in Kontakt zu unsichtbaren Gesprächspartnern. Wenn die Kids auf dem Sofa lümmeln, fliegen die Finger über die Tasten, wenn’s beim Abendbrot piept, springen sie wie von der Tarantel gestochen auf. „Ich hab ne Nachricht“, heißt es dann. Inhalt und Absender werden nicht erwähnt.

„Texten“ ist eher eine Lebensform als eine Art, Informationen zu versenden. In den USA ist aus den Ängsten der Eltern längst ein Geschäftsmodell geworden. Mit dem Handy kann man die Kinder den ganzen Tag über orten, ihre Gespräche abhören und ihre Nachrichten mitlesen. Technisch alles kein Problem. Allerdings steht ein anderes Gut auf dem Spiel. Dieses Gut bleibt die Basis für eine gute Beziehung zwischen Kindern und Eltern: Vertrauen. Vertrauen ist eine ebenso teurer Schatz wie die Seltenen Erden in den kleinen Telefongeräten: eine wertvolle Ressource, die Sie auf keinen Fall verschleudern sollten. In der Pubertät steigt der Wert sogar noch.

Frage zurück: Würden Sie denn auch im Tagebuch Ihrer Tochter lesen? Öffnen Sie ihre Briefe, falls so etwas Altmodisches dann und wann noch ins Haus flattert? Vermutlich nicht, auch wenn Sie vielleicht schon manchmal kurz davor gestanden haben. Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden brauchen ihre Geheimnisse. Was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter Sie beim Ausspionieren erwischt? Wie wollen Sie ihr erklären, was Sie taten? Wenn es einen ernsthaften Anlass zur Sorge gäbe, wenn Sie Drogen oder gar Gewalt gegen Ihr Kind vermuten, kann es vielleicht auch einmal eine Ausnahme von der Regel geben.

Wenn nicht, lassen Sie die Finger vom Telefon der Tochter. Bleiben Sie stattdessen mit Ihrem Kind im Gespräch. Nehmen Sie so gut es geht Anteil an seinem Leben. Schicken Sie Ihrer Tochter doch ab und zu auch mal eine Nachricht aus dem Büro oder von unterwegs. Sie werden staunen, wie einfallsreich 14-Jährige mit wenigen Worten umgehen können.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Familie, Ethik