Das Wesentliche: Aufarbeitung
Strukturen der Sünde
Aus: Ausgabe 07/2012
Die katholische Kirche setzt sich mit dem Missbrauch in ihren Reihen auseinander. Doch die Opfer wollen mehr.
Ein weiterer Meilenstein in der Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch sollte die Konferenz an der römischen Gregoriana-Universität unter dem Titel „Heilung und Erneuerung“ sein. So sieht es zumindest die katholische Kirche. Auf außenstehende Beobachter wirkt die Veranstaltung, die an diesem Donnerstag endet, eher wie eine bescheidene Bewegung in Richtung Aufarbeitung. Der Leiter des Instituts für Psychologie an der Gregoriana, der deutsche Jesuit Hans Zollner, formulierte als Ziel der Tagung, man wolle „den Opfern eine Stimme geben“. Doch die haben längst selbst angefangen zu sprechen und warten immer noch darauf, in der Kirche gehört zu werden.
Vordergründig hat die Kirche in diesen Tagen zugehört: Vor 200 Vertretern von Bischofskonferenzen und Ordensgemeinschaften aus aller Welt erzählte eine Frau aus Irland, wie sie 1963 als zwölfjähriges Mädchen missbraucht wurde. Erst 2011 erfuhr die unabhängige Murphy-Untersuchungskommission, die die Akten der Diözese Dublin ausgewertet hatte, dass der damalige Erzbischof von Dublin über die Beschuldigungen gegen ihren Peiniger schon frühzeitig informiert war, ohne den Täter zu stoppen oder etwas für die Opfer zu unternehmen. Dieses Muster von Täterschutz und Opfervergessenheit durchzieht weltweit die Täterkarrieren in der Kirche, es markiert den Unterschied zur vielerorts in der Gesellschaft anzutreffenden sexuellen Gewalt.
Gerade die deutsche Kirche ist stolz auf ihre Anstrengungen zur Aufarbeitung: Es gibt einen Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, den Trierer Bischof Stephan Ackermann; zudem wurden die unzureichenden Leitlinien aus dem Jahr 2002 grundlegend überarbeitet. Für die Diözese München hat der Ulmer Kinder- und Jugendpsychologe Jörg Fegert eine E-Learning-Plattform entworfen, die weltweit Priestern und Verantwortlichen Informationen über den Umgang mit sexuellem Missbrauch an Kindern zugänglich machen soll. Der bekannte niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer wird in einer großen Studie die Personalakten ausgewählter Bistümer bis zurück ins Jahr 1949 auswerten, um das Ausmaß sexueller Gewalt in der Kirche erfassen zu können. „Als einzige große Institution stellt sich die katholische Kirche dem Thema Missbrauch“, hieß vor einigen Wochen in Christ & Welt (Nr. 1/2012)
Doch aus Sicht von Betroffenenvertretern greifen die Maßnahmen zu kurz, weil die tatsächliche Anhörung der Betroffenen abseits von römischen Tagungen in diesem Konzept nicht vorgesehen ist. Noch immer halten Kirchenvertreter die Skandalisierung der Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit für ungerecht und unangemessen. Man habe sich vielfältig entschuldigt und wolle nun in die Zukunft schauen. Diese Einschätzungen stehen allerdings in scharfem Kontrast zur Wahrnehmung durch Betroffene. Diese interpretieren den Willen zur Prävention als Ablenkung von der Last der Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Entschuldigungen von Bischöfen wirken eher wie Binnenbotschaften, als dass sie Betroffene erreichen. Die eingeübte pastorale Hinwendung zu den Mühseligen und Beladenen funktioniert bei den Opfern des eigenen Versagens nicht. Nur Dialog und eine Kultur des Zuhörens können hier weiterführen. Vielfach mangelt es an der Einsicht, dass Aufarbeitung der Vergangenheit nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Institution selbst wichtig ist, um die erkannte „offene Wunde der Kirche“ zu heilen. „Strukturen der Sünde“, die Johannes Paul II. mit Blick auf die Welt beklagte, wirken eben auch in der sichtbaren Struktur der Kirche. Diese Erkenntnis ist wohl am schwersten anzunehmen. Eine solche Betrachtung müsste den von vielen Priestern als Zwang erlebten Zölibat ebenso thematisieren wie das von Korpsgeist geprägte Binnenklima, die Doppelmoral und Heimlichtuerei einer reinen Männergesellschaft, die untergeordnete Rolle von Frauen oder die Probleme mit der von vielen als Drohbotschaft erlebten Lehre zur Sexualität.
Matthias Katsch wurde selbst Opfer von zwei Serientätern an seiner Schule, dem Berliner Canisius-Kolleg, und ist heute Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“.





