www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Streit ums Testament

Aus: Ausgabe 38/2013

„Am Sonntag war ich seit Langem einmal wieder im Gottesdienst. Die Pfarrerin und der Lektor sprachen bei der Lesung und in der Predigt vom ,Ersten Testament‘. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstanden hatte, was sie meinten. Warum muss die evangelische Kirche eigentlich jeden modischen Schnickschnack mitmachen? Ist das Wörtchen ,alt‘ so verdächtig?“ Herbert K., Stuttgart

Gerät Ihr Blut wirklich nur wegen einer Formulierung in Wallung? Oder haben Sie die Befürchtung, dass auch anderes, was für Sie alt und bewährt ist, aus Ihrer Kirche verbannt wird? Ich bleibe bei dem, was Sie so offensichtlich verärgert hat. Es mag sein, dass Protestanten eine Neigung haben, dann und wann neue Ideen mit zu großen Vorschusshoffnungen auszustatten. Aber in diesem Falle haben Sie sich an einer wohlüberlegten theologischen Formulierung festgehakt. Denn wenn es um das Alte Testament und um Gottes Bund mit Israel geht, so hat es lange Tradition, das Alte mit dem Veralteten und Erledigten gleichzusetzen, einen Bund, den Gott mit dem Neuen Bund erst getoppt und dann ersetzt hat. Das war eine ziemlich unbiblische, aber auch verhängnisvolle Mode, die sich lange gehalten hat. Denn dieser Vorrang des Neuen vor dem Alten wurde gegen Juden ausgespielt. Und zwar nicht nur liturgisch.

Um daran zu erinnern, dass der Alte Bund nicht erledigt und christlich entsorgt worden ist, wird vom Ersten Bund geredet. Das Neue Testament wird so von dem christlichen Überbietungsanspruch befreit. Allerdings handelt man sich damit neue Probleme ein. Wer vom Ersten und vom Zweiten Testament spricht, begibt sich in die Gefahr, dass ein drittes und viertes erwartet wird. Man muss schon ziemlich tief in den jüdisch-christlichen Dialog, oder besser: den christlichen Dialog mit den jüdischen Wurzeln und den subtilen Formen des Judenhasses eingearbeitet sein, um die Pointe der sprachlichen Korrektur zu verstehen. Wenn das Alte das schon und schön Bewährte ist, das Ererbte und das Überlieferte, dem man sich anvertrauen und das man auch in einem neuen Zusammenhang und in einer neuen Zeit ehren soll, dann ergäbe sich der Respekt vor dem bleibenden Erwählungsversprechen Gottes gegenüber Israel ja von allein. Altes und Neues schließen sich keinesfalls aus. Sie ergeben nur gemeinsam einen Sinn. 

Erschienen in:
Ausgabe 38/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen