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Sein Motiv: Der Autonome

Straßenkämpfer gegen Mursi

Aus: Ausgabe 06/2013

Sie tragen Schwarz, den internationalen Look des Straßenkämpfers. Sie hassen den Staat, und der Staat hasst sie. Was wollen sie in Ägypten erreichen?

Foto: Mohamed Abd El Ghany/ Reuters

Wer er ist, weiß keiner, was er will, weiß nur er selbst. Der „Autonome“ mischt mit im ägyptischen Chaos. Mit Steinen, Knüppeln, Molotowcocktails geht der „schwarze Block“ gegen militante Islamisten, Muslimbrüder und andere Mursi-Anhänger vor, gegen Polizei, Militär, Geheimdienste.

Viele Ultras, radikalisierte Fußballfans, gehören zu den Autonomen. Sie sind vermummt, sie tragen Schwarz, den internationalen Look des Straßenkämpfers. Sie hassen den Staat, und der Staat hasst sie. „Die Zeit ist reif für den Straßenkampf, Junge“, sang Mick Jagger 1968, „ich denke, die Zeit für eine Palastrevolution ist gekommen, aber wo ich lebe, gibt’s nur Kompromisslösungen.“ Davon ist in Ägypten keine Rede. Es geht um die Macht, aber was will der Autonome außer den Umsturz? Chaos?

Vielleicht ja Rache. Die Ultras sind Gewalt gewöhnt. Im Namen der Ordnung wurden sie jahrelang von Mubaraks Schlägern verfolgt, drangsaliert, geprügelt. Bei der Arabellion vor zwei Jahren standen sie an vorderster Front. Ohne die militanten Anhänger des Kairoer Fußballklubs „Al Ahly 1907“ säße Mubarak wohl noch in seinem Palast. Dann, am 1.Februar 2012, das Fanal: Beim Fußball-Massaker von Port Said wurden 74 Fans, die meisten von ihnen Al-Ahly-Anhänger, erstochen, erschlagen, zerquetscht; Ordnungshüter schauten zu oder machten mit. Dafür verurteilte ein Kairoer Gericht 21 Beteiligte zum Tode. Für Ruhe sorgte das nicht, im Gegenteil. Die Krawalle eskalieren, die Regierung verliert ihre Legitimation, die Staatsmacht zerfällt. Der Präsident greift zum Ausnahmezustand, sucht Hilfe bei der Armee.

Gegen diese Ordnung wehrt sich der Autonome. Aber was will er? Eine Palastrevolution? Wohl kaum. Anarchie? Vielleicht. Er weiß: Wenn die Schlacht vorbei ist, droht der Kompromiss mit der Macht. Auch deshalb muss er kämpfen.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2013
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Islam, Außenpolitik