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Haltung, bitte!

Sträflich mütterlich

Aus: Ausgabe 03/2012

„Seit Jahren bin ich als einzige Frau in leitender Position in einem traditionsbewussten Unternehmen tätig. Nun bin ich Mutter geworden...

Meine Tochter ist gut betreut und ich liebe meine Arbeit, aber wenn ich wegen der Kleinen mal früher gehen muss oder die Kinderfrau ausfällt, rede ich mich mit wichtigen Terminen oder Arztbesuchen heraus, weil mein Chef und Firmeninhaber mir klipp und klar gesagt hat, dass ich als Mutter in einer Führungsposition „unter Bewährung“ stünde. Die Schummelei macht mir großen Kummer, aber ich will auch meinen Job nicht verlieren oder als Sachbearbeiterin auf halber Stelle enden. Was soll ich tun?
Gabriele R. W., Sindelfingen

Was ist das für eine Welt, in der erfolgreiche Mütter um ihrer Kinder willen schummeln und lügen, damit sie keine Nachteile am Arbeitsplatz haben? Die Schummeleien wären hinnehmbar, wenn nicht mit jeder Notlüge auch die eigene Existenz zur Hälfte verleugnet werden müsste. Sie sind wahrlich nicht die Einzige, die sich mit Tricks und vorgeschobenen Terminen vor männlichen Schlaumeiereien oder handfesten Nachteilen schützt. Warum eigentlich? Arbeiten Sie schlechter als Ihre Kollegen, seit Sie Mutter sind? Alle wissenschaftlichen Daten sprechen dafür, dass Mütter besser organisiert sind, krisenfester und stressresistenter als Berufstätige ohne Kinder oder Väter, die mit der Erziehungsarbeit nur am Wochenende in Berührung kommen. Ihr Chef müsste sich freuen, dass Sie weiter für ihn arbeiten. Wurde je ein Kollege „unter Bewährung“ gestellt, weil er Vater geworden ist? Die Sprache, die aus der Elternschaft eine Straftat fürs Unternehmen macht, ist nicht nur empörend, sondern auch dumm. Hand aufs Herz: Sind Sie in diesem Unternehmen wirklich richtig? Oder finden Sie mit Ihrer Qualifikation nicht auch einen Job, der Mütter mit Führungsaufgaben betraut? Zugegeben, das ist immer noch schwierig. Suchen Sie unter den Kollegen Verbündete. Vielleicht gibt es einen jungen Vater, der sein Kind nicht nur schlafend sehen möchte?

Spielen Sie mit offenen Karten. Möglicherweise haben Sie Ideen, wie die Arbeit familienfreundlicher organisiert werden könnte? Kürzlich gab ein mittelständischer Unternehmer zu, dass es eines Eklats in der Familie bedurfte, bis er seine Position geändert hat. Seine Tochter, eine erfolgreiche Anwältin, hat nach der Geburt des ersten Kindes die Kanzlei verlassen, weil man ihr bedeutet hat, dass ihre Karriere nun zu Ende sei. Mit gehörigem Schrecken sah er, dass er sich nicht viel anders verhalten hätte. Hat Ihr Chef vielleicht eine Tochter?

Erschienen in:
Ausgabe 03/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik