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Haltung, bitte!

Stolz mit Stirnrunzeln

Aus: Ausgabe 18/2013

„In den letzten Wochen war ich bei Veranstaltungen zum Thema ,Reformation und Toleranz‘, offenbar das Themenjahr der evangelischen Kirche zum anstehenden Lutherjubiläum. Da ging es nur um Judenhass, Frauenfeindlichkeit und Unterwürfigkeit unter den Staat. Müssen die Evangelischen immer in Sack und Asche gehen, anstatt stolz auf die Reformation zu sein und das Großartige, was sie in der Kirche und in der Gesellschaft bewirkt hat?“ Siegfried K., Westerwald

Es gibt eine Neigung von Protestanten, mit Dauerstirnrunzeln durch die Welt zu gehen. Sie tragen ihr unglückliches Bewusstsein so demonstrativ durch die Gegend, dass klar wird, woher der Dichter des Karnevalsschlagers „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin“, seinen Stoff genommen hat. Trotzdem würde ich gerne zurückfragen, worauf wir denn stolz sein sollen wie auf ein gelungenes Meisterstück. Auf die große theologische Einsicht Martin Luthers, dass wir allein aus Gnade gerecht und freigesprochen sind, sodass wir mit geradem Rücken und offenem Blick durchs Leben gehen können? Dankbarkeit – ja. Und die beglückende Gewissheit, dass diese Einsicht immer noch gilt.

Natürlich gibt es großartige Kulturleistungen, die direkt oder indirekt mit der Reformation zusammenhängen. Daran wollten wir unbedingt erinnern. An die Bildungsoffensive, die auch Mädchen in den Genuss einer Ausbildung bringt, an die Würdigung weltlicher Berufe, die die Gesellschaft verändert, an die Verbreitung der deutschen Sprache und den neuen Ton in der Musik. Evangelische sollen ohne Scheu benennen, wie sie sich von anderen Kirchen unterscheiden und was ihnen lieb und teuer ist. Das geht auch, ohne sich auf Kosten anderer zu profilieren. Aber zur ganzen Geschichte gehören auch die dunklen Kapitel der Reformation. Das gebietet der Anspruch auf Wahrhaftigkeit, der dem Reformator so wichtig war, dass er dafür Kopf und Kragen riskierte.

Die letzten Lutherjubiläen haben gezeigt, wie die Reformatoren für politische Zwecke missbraucht wurden. Luther, der so oft gegen den Stolz gewettert hat, thronte plötzlich als Nationalheld über den deutschen Landen. Der Unruhestifter aus der Kraft des Glaubens wurde zu einer staatstragenden Figur. Dieses Bild sitzt immer noch fest in unseren Köpfen. Es wird Zeit für eine Korrektur im Geiste der Reformation.

Erschienen in:
Ausgabe 18/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch