www.zeit.deProbe-Abo

Joseph Ratzinger

Stellvertreter Gottes und einer von „uns“

Aus: Ausgabe 35/2011

Wer kommt uns da besuchen? Christ & Welt hat Prominente gefragt, wie sich ihr Bild von Benedikt XVI. gewandelt hat. Eine Einführung von Hans-Joachim Neubauer.

Als Kardinal blieb sein Bild das eines Einzelnen, kühl und fern der Welt. Erst als Papst gewann seine Erscheinung an Wärme, wurde Teil eines großen Wir. © Konrad R. Müller/Agentur Focus

Seit Platons Höhlengleichnis begleitet der Zweifel die Arbeit des Auges. Was überhaupt können Menschen sehen, was können sie als wahr erkennen, wenn sie nur Schatten zu Gesicht bekommen? Mit anderen Worten: Was weiß, wer sieht, und was sieht, wer denkt?

Das eine Bild des Papstes gibt es nicht. Schon vor seinem Pontifikat nahm Joseph Aloisius Ratzinger viele Rollen ein, er war der Reformtheologe des Zweiten Vatikanums und der Gesprächspartner der Philosophen, er war, als Vorsitzender der Glaubenskongregation, Sachwalter eines strikten Kurses in Fragen der Schwangerenberatung und der Homosexualität, er war der Kopf hinter Johannes Paul II., dem Pontifex der Herzen. Und zu all dem gibt es Bilder, Fotografien, Porträts: Ratzinger mit Jürgen Habermas, mit Bischöfen und Kardinälen, mit katholischen Laien und evangelischen Professoren. Ratzinger war der Denker, Sucher, Strippenzieher – ein Handelnder. Auch wenn seine Entscheidungen viele betrafen: In der öffentlichen Imago blieb Joseph Ratzinger ein Repräsentant der klerikalen, intellektuellen und politischen Milieus – durchaus kühl und fern der Welt der kleinen Leute.

Dann kam der April 2005. Die „Bild“-Zeitung ernannte den frisch gekürten Stellvertreter Christi auf Erden zum Stellvertreter der Nation. Heute zeigen ihn die Medien mit Staatsmännern und -frauen, mit Filmstars und mit Betenden, mit jungen Nonnen, Behinderten und afrikanischen Kindern.

Es gehört zu den Paradoxien des Ruhms, dass Ratzinger mit dem Amt auch Wärme erhielt. Wer als „einer von uns“ erkennbar sein soll, braucht Heimat, Herkunft, Familie. Während ihn Vaticanisti und Hagiografen als Denker auf dem Papstthron erklärten, während die Auguren, kaum dass sich der weiße Rauch verzogen hatte, ideologiekritisch Stärken und Grenzen des neuen Pontifex beschworen, wuchs Benedikt eine weitere Rolle zu: Er wurde Bruder. Georg Ratzinger war der Beweis dafür, dass auch die einzigartige Karriere seines Bruders Joseph im Wir gründete.

Erst als Papst wurde Joseph Ratzinger zum exemplarischen Kind des Jahrhunderts: Sohn eines Gendarmen und einer Köchin, geboren in Marktl, Messdiener, Hitlerjunge, Flakhelfer. Einer wie „wir“. Dazu gehörte auch ein Auto: Auf seiner kurzen Irrfahrt durch Feuilletons und Ebay-Seiten wurde der „Papstgolf“, den ein Zivildienstleistender für viel Geld versteigerte, zum wahren Papamobil.

Als Papst ist Ratzinger nicht bloß Handelnder. Seine erste Aufgabe besteht darin, zu sein, der er ist. Darin war sein Vorgänger in den letzten Monaten seines Pontifikats ganz aufgegangen. Und auch Benedikts Bild hat sich mit diesem Wechsel vom Tun zum Sein verändert: Längst wird er nicht mehr nur als Dogmatiker, Lehrer oder „Panzerkardinal“ wahrgenommen; das Verhältnis der Deutschen zum Mann im Vatikan hat sich entspannt. Ideologische Positionierungen spielen eine geringere Rolle als früher, auch wenn Differenzen spürbar bleiben.

In den Texten auf diesen Seiten zeichnen unsere Autoren ihr persönliches Bild des Papstes: Die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek zeigt ihn als offenen und bescheidenen Theologen im Gespräch mit dem Islam. Gregor Gysi schätzt, bei allen Gegensätzen, Benedikt XVI. als normative Instanz. Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange sinniert über Schuhe und Spiritualität, und Daniel Dickopf von den Wise Guys ist enttäuscht; er spürt Mitleid mit dem für ihn zu konservativen alten Mann im Vatikan. Ihre Bilder zeigen, dass ein Papst nicht nur ein religiöses und politisches Phänomen ist, sondern immer auch ein kulturelles.

Dieser Mann also kommt demnächst nach Deutschland – Gelegenheit, sich ein Bild von ihm zu machen. Vielleicht ein neues. Und wenn schon kein wahres, so doch ein eigenes.

Erschienen in:
Ausgabe 35/2011
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Papst