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Haltung, bitte!

St. Martin Luther

Aus: Ausgabe 44/2012

„Martin Luther ist für mich ein kirchenkritischer und obrigkeitskritischer Geist, der sich mit den Mächtigen anlegte und kein Aufhebens um seine Person gemacht hätte. Mittlerweile wird er gefeiert wie ein zweiter Messias. Ist das nicht eine unangemessene Überhöhung?“ Claus S., Wiesloch

Jede Zeit hat ihren Luther. Das zeigt das Reformationsgedenken der letzten Jahrhunderte. Martin Luther war deutscher Geistestitan und Antifranzose, er wurde als Revolutionär gefeiert und als Reaktionär verachtet, er galt den einen als der erste Kulturprotestant und den anderen als Volksmissionar mit gehöriger Lust an Zoten.

Manchen war er zu katholisch, manchen ein Spaltgeist und Häretiker. Die Figur und das Leben des Reformators waren und sind Projektionsflächen für politische, religiöse und gesellschaftliche Sehnsüchte oder Befürchtungen. Sie selbst führen ja auch ein Lutherbild ein, über das man, mit Verlaub, lange diskutieren könnte. Ein „kirchenkritischer und obrigkeitskritischer Geist“ sei er gewesen, sagen Sie. Ganz falsch ist das nicht.

Doch ganz falsch sind ja auch Zerrbilder nie. Nur zeigen sie eben nur einen Ausschnitt, dazu oft noch im schiefen Winkel. Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass über die Bewunderung für diesen „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders“-Typen die Fragen verloren gehen, die den Reformator zuallererst in Bewegung versetzten.

Seine theologischen Einsichten verschwinden dann hinter einem mehr oder weniger subtilen Heldenkult. Der ist nicht besser, wenn der Held ein modernes, weltoffenes Antlitz erhält und an die Stelle der deutschnationalen Bronzepatina coole Filmclips treten. Deshalb ist es an der Zeit, die Lutherstory so zu erzählen, dass der fromme, gelehrte, kämpferische, charmante, melancholische, rücksichtslose, im Alter bisweilen antijudaistische Mensch Luther in all seinen Facetten zum Vorschein tritt, ebenso wie die Ereignisse, die zur Entstehung der Kirchen der Reformation führten.

Das beste Mittel gegen den Lutherkult ist allerdings die Besinnung auf die wesentlichen Fragen, die er stellte: Was oder wessen bedürfen wir, um aus dem Geschäft der Selbstrechtfertigungsversuche herauszukommen? Welches religiöse oder kirchliche Gerümpel verstellt uns den Zugang zur Botschaft Gottes von der freien Gnade? Wie können wir bei Trost bleiben angesichts der Lage der Welt?


Erschienen in:
Ausgabe 44/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen