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Haltung, bitte!

Spießerglück

Aus: Ausgabe 11/2013

„Meine Tochter ist 13 und bettelt seit Wochen, weil sie mit einer Freundin auf ein Konzert ihrer Lieblingsband in einen Club in die Nachbarstadt will. Ich finde sie zu jung dafür. Wenn ich Nein sage, klinge ich allerdings wie meine eigene Mutter. Ich weiß noch, wie ich mir geschworen habe, später verständnisvoller und cooler zu sein. Deshalb schiebe die Entscheidung auf die lange Bank. Was soll ich tun?“ Marie V., Münster

Wie wäre es denn mit einer kleinen Abbitte in Richtung der eigenen Mutter? 13-Jährige müssen das Nein der Erziehungsberechtigten als absolut uncoole und gemeine Elternnummer verstehen. Das war vor 25 Jahren so und ist heute nicht anders geworden. Teenager haben ein Recht auf spießige Eltern. Deshalb klingen die dann auch in diesen Situationen so, wie sie nie klingen wollten. Während die Großeltern nun oft zu Bündnispartnern der genervten Sprösslinge werden. Kunststück: Die sind ja jetzt auch von der elterlichen Verantwortung entbunden!

Da hat es übrigens auch nichts geholfen, dass Töchter ihre Mütter zeitweise beim Vornamen riefen. Das ist offenbar vorbei, weil auch Ursel und Betty irgendwann uncoole Dinge sagen, obwohl sie bis gestern noch die besten Freundinnen der Welt zu sein schienen. Wenn Sie gegen den Konzertbesuch sind, dann sagen Sie es unmissverständlich. Und weil Sie sich noch gut an die eigenen Tränen erinnern, an das Türenknallen und den gefühlten Verrat, können Sie mit der Reaktion cooler umgehen. Es hat nämlich keinen Zweck, dem Töchterchen zu verraten, dass man das alles auch schon durch hat. Jedenfalls nicht im akuten Stadium.

Eine sehr coole Freundin von mir hat allerdings ihrer pubertierenden Tochter das eigene Tagebuch zu lesen gegeben. Und die 15-Jährige kam nach Stunden verheult aus ihrem Zimmer, kuschelte sich an ihre Mutter und meinte: „Ich wusste gar nicht, dass es früher auch so schwer war, Eltern zu haben.“ Müssen Sie es denn bei dem schroffen Nein belassen? Vielleicht gehen Sie mit? Das ist nur dann peinlich, wenn Sie die ganze Zeit neben den beiden Mädchen stehen. Meine Schulfreundin hat ihren großen Cousin zu den ersten Ausflügen in die Nacht mitgebracht. Beim ersten Mal fauchend, doch als sie merkte, wie ihr Beliebtheitsgrad stieg, wurde er zur Institution. Wir wussten ja nicht, dass er sich so sein Taschengeld aufbesserte.

Erschienen in:
Ausgabe 11/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch