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Haltung, bitte!

Spenden ist schöner

Aus: Ausgabe 33/2011

„Immer, wenn ich auf meinen Gehaltsstreifen gucke, ärgere ich mich, dass ich so viel Kirchensteuer an den Staat abführe. Ich verdiene sehr gut und möchte gern mit meinem Geld kirchliche Projekte unterstützen, will aber selbst darüber entscheiden und das nicht dem Staat überlassen. Jetzt frage ich mich, ob ich aus der Kirche austreten soll.“

Über der deutschen Kirchensteuer hängt ein Schleier der Missverständnisse. Das größte Missverständnis ist vermutlich der Begriff der Steuer selbst, der Ihnen zu Recht aufstößt, denn es entsteht der Eindruck, als zahlten die Christen an den Staat. Im Grunde ist die Kirchensteuer aber eine Art Mitgliedsbeitrag, der vom Staat für die Kirchen erhoben wird. Alle, auch Sie, profitieren davon. Für die Kirchen ist der Einzug billiger, weil sie keine Verwaltungskosten haben, der Staat profitiert davon, weil die Kirchen den Staat für diese Aufgabe entschädigen, und Sie können davon ausgehen, dass alle Kirchenmitglieder ihrem Leistungsvermögen entsprechend zur Finanzierung der kirchlichen Aufgaben beitragen. Die, die wenig verdienen, zahlen wenig Kirchensteuern, Gutverdiener wie Sie zahlen mehr. Das klingt alles ziemlich trocken. Tatsächlich entfällt die Geste des Spendens und damit vielleicht auch das gute Gefühl, das sich einstellt, weil Geben guttut. Und Sie können auf diesem Wege nicht entscheiden, was mit Ihrem Geld geschieht. Aber stellen Sie sich vor, die gesamte kirchliche Arbeit hinge an denen, die am meisten bezahlen können. Der Geldbeutel bestimmte über die Einstellung der Geistlichen, über den Erhalt der Kirchengebäude, über die sozialen Projekte. Verlockend ist diese Aussicht nur auf den ersten Blick. Gerecht ist sie sowieso nicht. 1919 sollte mit der Kirchensteuer der Einfluss der Reichen in der Kirche begrenzt werden, damit die Kirchen ihre geistliche Unabhängigkeit sichern können. Ein Demokratisierungsschub in beiden Konfessionen, denn nun entscheiden gewählte Synoden oder Diözesanräte über das Geld. Dann und wann sollten Kirchenmitglieder den Synoden vielleicht genauer auf die Finger gucken und deren Entscheidungen hinterfragen, aber die Möglichkeit des Mitentscheidens auf diesem Wege steht allen, auch Ihnen, offen. Und niemand will Ihren Gehaltsstreifen sehen.

Erschienen in:
Ausgabe 33/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Ethik