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Haltung, bitte!

Sorry, sorry

Aus: Ausgabe 07/2013

„Vor ein paar Tagen wurde die Verspätung meines ICE aus dem Lautsprecher mit „Wir entschuldigen uns herzlich“ kommentiert. Erst dachte ich an einen dummen Fehler, aber dann ist mir aufgefallen, dass immer mehr Zeitgenossen mit dem Sinn des Entschuldigens nichts mehr anzufangen wissen. Haben Sie eine Ahnung, seit wann das so ist?“ Eberhard K., Köln

Um Entschuldigung zu bitten ist vermutlich zu allen Zeiten schwergefallen. Anderen etwas schuldig zu bleiben, sich schuldig zu machen oder zumindest einen Fehler einzugestehen macht ja nicht gerade froh. Aber man kann schon den Eindruck haben, als sei mit dem schnell dahingeworfenen „Tschuldigung“ genau das Gegenteil von dem gemeint, was in der alten Bitte steckt. Hier hofft niemand auf die Vergebung oder wenigstens auf ein kleines Zeichen wie „Macht nichts“ oder „Ist mir auch schon passiert“.

Oder: „Danke, dass du zu deinem Fehler stehst. Diese Aufrichtigkeit macht es mir leichter, ihn dir nachzusehen.“ Eher schon soll der Vorfall bagatellisiert werden. War doch nicht so schlimm. Und jetzt bitte zur Tagesordnung. „Sorry“ geht auch. Das ist Englisch, schön kurz und trägt das ärgerliche Wort von der Schuld gar nicht mehr in sich. Von der Traurigkeit, die im „Sorry“ steckt, ist selten etwas zu spüren. „Wie heißt das Zauberwort?“, sagen die Mamas im Prenzlauer Berg. „Tschuldigung“, murmelt das Kind mit zusammengebissenen Zähnen. Und ruck, zuck sind die Erwachsenen besänftigt. Steuern in Millionenhöhe hinterzogen? Tschuldige, das machen doch alle.

Banker und Staatsoberhäupter haben in den letzten Jahren gezeigt, wie man sich entschuldigt, ohne dass so etwas wie Reue oder Schuldigwerden erkennbar wäre. Die Formel soll eher eine Diskussion beenden, die lästig ist und das Image belastet. „Ich entschuldige mich“, das ist auch vor laufenden Kameras oft nur scheinbar eine Beichte.

Genau genommen klingen die widerwillig dahingeworfenen Worte wie ein Selbstentschuldungsprogramm. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt die Bitte im Vaterunser. Leider geht mit dem tieferen Sinn der Entschuldigungsbitte auch die großartige Erfahrung der Vergebung verloren.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Ethik, Lebensstil