Türkei
Sophias neue Kleider
Aus: Ausgabe 07/2012
Die Hagia Sophia in Nicäa war erst christliche Kirche, dann Museum. Ihretwegen kamen viele westliche Touristen in die Kleinstadt. Vor drei Monaten wurde das Bauwerk zur Moschee. Nun bleiben die Besucher weg.

Sonnenlicht fällt in der offenen Kirchenruine der Hagia Sophia von Nicäa auf den Altar. Zwischen byzantinischen Bodenmosaiken sprießt grünes Gras aus dem Kirchenboden, über den Priester in schwarzen Roben wandeln, während sie Hymnen singen und goldene Weihrauchgefäße schwenken. Festlich gekleidete Diplomaten aus vielen westlichen Ländern lauschen, wie Gott in einem Dutzend verschiedenen Sprachen gepriesen wird: Orthodoxe Kirchen aus aller Welt feiern hier in der Hagia Sophia von Nicäa, wo sich im Jahr 787 die Bischöfe des ganzen Byzantinischen Reiches zum siebenten ökumenischen Konzil trafen, einen gemeinsamen Gottesdienst zum 2000. Geburtsjahr von Jesus Christus.
„Tja, so war das damals“, sagt Hüseyin Balci und drückt auf den Aus-Knopf seiner Fernbedienung. Der Sonnenschein und die Hymnengesänge, die der Lokaljournalist seinerzeit mit der Videokamera festgehalten hat, verschwinden vom Bildschirm. Vor den Fenstern seines winzigen Redaktionsbüros im Zentrum von Iznik, wie die türkische Kleinstadt in der Marmara-Region heute heißt, kündigen graue Wolken einen Schneesturm an. Vom Minarett der Hagia Sophia ruft der Muezzin zum Mittagsgebet. Glocken läuten schon lange nicht mehr in der historischen Kirche. Denn der Gottesdienst von Weihnachten 2000 war nicht nur der erste in der Hagia Sophia seit der Eroberung von Iznik durch die Osmanen im Jahr 1331, er ist auch der letzte geblieben. Seit drei Monaten ist die Hagia Sophia wieder eine Moschee.
War die Umwandlung wirklich ein Wunsch der Bevölkerung, wie dies der türkische Vizeministerpräsident Bülent Arinc kürzlich erklärte? Er gab im November vergangenen Jahres die Umwandlung des Gotteshauses von einem Museum in eine Moschee bekannt. Vor Ort ist von diesem Wunsch wenig zu spüren. Zum Mittagsgebet finden sich an diesem trüben Wintertag nur 18 Männer und ein kleiner Junge in der Hagia Sophia ein; sie kauern sich mit dem Imam in einer Ecke der teppichbedeckten Holzplattform zusammen, die zu diesem Zweck ins Kirchenschiff gebaut worden ist. Sie verneigen sich in Richtung der osmanischen Gebetsnische, die den Weg nach Mekka weist und seit November mit goldletternen Koransuren dekoriert ist. Den Rücken wenden sie dabei dem byzantinischen Fresko zu, das noch blass an der Kirchenwand zu erkennen ist – es zeigt Jesus, Maria und Johannes.
Draußen vor der Hagia Sophia, die an der belebtesten Straßenkreuzung genau in der Stadtmitte liegt, ist die Begeisterung für die religiöse Umwidmung des alten Gotteshauses noch geringer. Völlig unnötig und unerwünscht sei das gewesen, meinen die Männer in den Teehäusern draußen vor der alten Kirche. „Moscheen haben wir hierzulande doch genug“, sagt der Lastwagenfahrer Mehmet Eryilmaz und weist mit dem Finger auf die ringsum aufragenden Minarette. Die Umsitzenden nicken zustimmend: Neun weitere Moscheen hat die verschlafene Kleinstadt, die ihre prächtigen byzantinischen Stadtmauern längst nicht mehr ausfüllen kann – auf die Einwohnerzahl umgerechnet sind das pro Kopf fast doppelt so viel wie in Istanbul. „Was wir hier viel dringender brauchen, das sind Touristen“, sagt der Bauer Emin Acar. „Doch die kommen nun nicht mehr.“
Die Hoffnung war in Iznik aufgekeimt, als die Hagia Sophia nach jahrzehntelangem Verfall vor fünf Jahren plötzlich von der Regierung restauriert und überdacht wurde – obwohl es schon lange keine Christen mehr gibt in Iznik. Die alte Kirche könne zum Anziehungspunkt für fromme und wohlhabende Besucher aus dem Westen werden, die auf den Spuren der christlichen Religionsgeschichte wandeln wollen, hofften Einwohner wie Stadtväter. „Glaubenstourismus“ wurde das neue Zauberwort in der Kleinstadt am Iznik-See, deren Einkommen bis dahin fast vollständig von den umliegenden Olivenhainen abhing.
Die Provinzregierung startete eine Suche nach dem Tagungsort des ersten ökumenischen Konzils, das im Jahr 325 ebenfalls in Nicäa tagte, und lud dazu sogar vatikanische Experten nach Iznik ein. Vor der Hagia Sophia wurde ein Schild mit der Aufschrift „Hagia-Sophia-Museum“ aufgestellt und ein Kiosk, an dem Eintrittskarten für drei Lira (1,30 Euro) verkauft wurden. Bald parkten die ersten Reisebusse in der historischen Stadt. Im vergangenen Jahr zählte Iznik schon 40 000 Besucher aus dem Ausland. „Jetzt bleiben die Besucher wieder aus“, klagt Ilknur Günes, die in ihrem Laden nahe der Hagia Sophia handgemalten Keramikschmuck an Touristen verkauft. „Die kamen ja schließlich alle wegen der Hagia Sophia.“
Die junge Frau findet es verständlich, dass die Christen nicht mehr kommen. „Wenn eine alte Moschee, für die ich mich interessiere, plötzlich zur Kirche erklärt würde, dann würde ich da auch nicht mehr hinfahren wollen.“ Ein Gotteshaus wie die Hagia Sophia, das jahrhundertelang als Kirche und weitere Jahrhunderte als Moschee diente, müsse eigentlich beiden Glaubensgemeinschaften zum Gebet geöffnet werden, findet sie. „Und wenn das nicht geht, dann muss es eben ein Museum bleiben.“
Im Rathaus von Iznik, gegenüber von der Hagia Sophia, schüttelt Vizebürgermeister Kenan Zengin nur den Kopf, wenn es um die neue Moschee vor seinem Fenster geht. „Unsere Entscheidung war das nicht“, sagt der Kommunalpolitiker, der der nationalistischen MHP angehört. „Wir sind nicht einmal gefragt worden.“ Das Bauwerk untersteht dem sogenannten Stiftungsamt in Ankara, einer dem Ministerpräsidentenamt angegliederten Behörde, die zahlreiche historische und religiöse Bauten im ganzen Land verwaltet. Die Behörde untersteht Vizeministerpräsident Arinc, der bei einem Besuch in Iznik am 30. September vergangenen Jahres aus heiterem Himmel verkündete, er wolle am nächsten muslimischen Feiertag in der Hagia Sophia beten können.
„Wir haben das anfangs gar nicht glauben wollen“, sagt Mahmut Dede, der Vorsitzende der Handelskammer von Iznik. Doch Ende Oktober wurde die Hagia Sophia plötzlich für Umbauarbeiten geschlossen. Der Presse wurde der Zutritt verwehrt, alle Anfragen wurden abgeschmettert, erinnert sich Hüseyin Balci, Chefredakteur der Lokalzeitung „Iznik Rehber“. Als sich die Türen nach mehreren Tagen wieder öffneten, war die Hagia Sophia mit Gebetsteppichen und Koransuren ausgestattet. Auf das von den Osmanen angebaute Minarett wurden Lautsprecher gehievt, das Museumsschild wurde gegen eine Tafel mit der Aufschrift „Hagia Sophia Moschee“ ausgetauscht – und mit dem Morgengebet zum Opferfest, dem höchsten muslimischen Feiertag, der auf den 6. November fiel, wurde die Hagia Sophia als Moschee eröffnet.
„Dies ist der glücklichste Tag meiner Amtszeit“, erklärte Vizeministerpräsident Arinc, als er die Umwidmung bekannt gab. „Ich freue mich, zu einem guten Werk beitragen zu können.“ Anders als die berühmtere Hagia Sophia von Istanbul, die vom türkischen Staatsgründer Atatürk persönlich zum Museum erklärt worden war, sei die kleinere Kirche in Iznik „niemals ein Museum gewesen“, ließ er verkünden. Damit bleibe sie rechtlich gesehen bis heute, was sie seit dem Einmarsch der Osmanen in Iznik im Jahr 1331 war: eine Moschee.
Für die Bewohner von Iznik steht fest: Der Grund für die Umwandlung der Hagia Sophia ist im Ministeriumsviertel von Ankara zu suchen, und nicht in Iznik. Genauer gesagt: in den Spannungen, die das schillernd besetzte Kabinett von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aushalten muss. Mehrere als Museen deklarierte alte Kirchen hat die Regierung in jüngster Zeit für christliche Gottesdienste freigegeben: Im griechisch-orthodoxen Kloster Sümela an der Schwarzmeerküste darf das Patriarchat von Konstantinopel neuerdings jährlich eine Messe feiern, und die Heilig-Kreuz-Kirche in Van wurde der armenischen Kirche für jährliche Festgottesdienste freigegeben. In der Nikolauskirche in Myra am Mittelmeer, ebenfalls offiziell Museum, darf am Nikolaustag ein Gottesdienst zelebriert werden, und in der Pauluskirche in Tarsus, die das ganze Paulusjahr über für Messen geöffnet war, durfte auch Bundespräsident Christian Wulff im Herbst 2010 einen Gottesdienst besuchen.
Auch die Hagia Sophia von Iznik stand auf einer Liste von alten Kirchen, die der liberale Kulturminister Ertugrul Günay grundsätzlich für christliche Gottesdienste freigeben wollte – doch da konnte Arinc einhaken. Der Vizeministerpräsident vertritt im Kabinett den frommen und fundamentalistischen Flügel der Regierungspartei AKP. Als Vorgesetzter der Stiftungsbehörde sah er bei der Hagia Sophia von Iznik seine Chance gekommen, nun auch einmal seine eigenen Wählerkreise zu bedienen.
„Höchste Zeit“ sei das ja auch gewesen, sagt ein korpulenter junger Mann, der gerade aus der Hagia Sophia kommt und seinen Namen nicht nennen will. Eigens aus Istanbul angereist sei er, um die neue Moschee selbst zu sehen, sagt er. „Als Nächstes ist die Hagia Sophia in Istanbul dran“, fügt er hinzu und reckt die Faust. „Da warte ich nur drauf.“
Bestürzt blicken ihm ein paar andere Besucher hinterher. „Unpassend“ finde er die Umwandlung in eine Moschee, sagt Göktürk Tütüncü, der mit seiner Familie zum Tagesausflug aus Istanbul gekommen ist, und die meisten Umstehenden stimmen ihm zu. „Meiner Ansicht nach hätte es Museum bleiben sollen“, sagt Nilgün Tuna aus Istanbul. „Wir sollten unser historisches Erbe schützen und bewahren, und dazu gehört auch das christliche Erbe.“ Gleichmütig nimmt nur der einzige ausländische Besucher des Tages die neue Lage hin. „Mich stört es nicht“, sagt Claus Stoll aus Stuttgart. „Und vielleicht trägt es ja dazu bei, dass der Bau besser erhalten wird.“
Tatsächlich hat die alte Kirche ihr neues Dach und ihr Fensterglas dem Stiftungsamt in Ankara zu verdanken, dessen Direktor es sich nicht nehmen ließ, am Festtagsgebet zur Moschee-Eröffnung teilzunehmen. Ein vom Kulturministerium eingestellter Museumswärter führt Touristen noch immer durch die neue Moschee, die auch zu Gebetszeiten für Besucher zugänglich bleibt. „Nun müssen wir abwarten, wie es weitergeht“, sagt der Handelskammervorsitzende Dede, der seine öffentlichen Proteste gegen die Umwandlung in eine Moschee nach einer Unterredung mit dem Ortsvorsitzenden der AKP eingestellt hat. „Der hat uns erklärt, dass es so viel besser ist für den Glaubenstourismus“, sagt Dede. „Er hat uns erklärt, dass wir damit allen zeigen, was für eine schöne und liebenswerte Religion der Islam ist.“





