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Haltung, bitte!

So nah, so fern

Aus: Ausgabe 25/2013

„In einem Buch habe ich neulich gelesen, dass das Gebot der Nächstenliebe, das einzige Gebot Jesu, vom System der Gebote und Verbote an die Israeliten im Alten Testament total abweicht. Ich habe im Buch Exodus (Ex 20) nachgeguckt. Da steht es wirklich nicht. Ist das nicht erstaunlich?“ Josef G., Düdingen (Schweiz)

Wie gut, dass Sie sich von Lektüren nicht beeindrucken lassen, ohne selbst noch mal nachzusehen, ob die Behauptung des Autors überhaupt stimmt. Dessen Denkschema sitzt nämlich ziemlich fest im Gebälk der Kirche und in den Knochen der Christenmenschen. Da können Bibelwissenschaftler sich mit ihren Erkenntnissen in dicken Büchern oder in scharfen Artikeln nun schon seit Jahrzehnten zu Wort melden, irgendwo wird immer noch behauptet, Jesus korrigiere den ersten Teil der Bibel, den wir missverständlich „Altes Testament“ nennen, als sei es der überkommene, der veraltete Teil der Bibel. Als nähme Jesus die Gebote Gottes an Israel zurück.

Wenn Sie das „Gebot der Liebe“ im Wortlaut suchen, werden Sie in der Nähe der Zehn Gebote nicht fündig. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist nicht das elfte Gebot. Könnte es aber sein, wenn es eine Zusammenfassung der ersten zehn Gebote bräuchte. Denn was heißt denn „Liebe“? Und wie äußert sie sich? In den Zehn Geboten wird es ziemlich handfest.

Hier entfaltet sich die Liebe nicht als heißes Gefühl, das schnell abkühlen kann. Hier wird sie als Lebenshaltung, ja als Lebensordnung entfaltet. Nicht betrügen, nicht beneiden, nicht morden, auch nicht rufmorden, die eigenen Eltern ehren, das sind ebenso schlichte wie schwere Einsichten, die die Liebe zu den Nächsten überhaupt erst möglich machen.

Die lieben Nächsten sind einem ja oft ziemlich fern. Es ist immer leichter, mit dem Übernächsten auszukommen, weil er einem nicht zu nahe kommt. Um seine Freunde daran zu erinnern, fasst Jesus alle Regeln in einer großen Regel der Liebe zusammen, nicht, um sie für ungültig zu erklären. Er bringt die Gebote Gottes im Markusevangelium auf den Punkt. Mit einem Zitat aus dem Buch Levitikus 19,18. Hier finden Sie das Gebot wortwörtlich. Heute kommt die Liebe so schnulzenhaft und folgenlos daher, dass es sich lohnt, die Worte Jesu anhand der Konkretionen im ersten Testament zu füllen.

Erschienen in:
Ausgabe 25/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch